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Der Luisenplatz im Hochsommer. Aquarell nach Fotografien.

AUSGABE NR. 6 · FREITAG, 31. JULI 2026

Ei gude! ☕

Rund vierzehn Liter Regen pro Quadratmeter, mehr war im Juli in ganz Hessen nicht drin. So trocken war ein Juli hier noch nie. Was das für Darmstadt heißt, steht gleich unten, und es hört nicht auf, nur weil es dieser Tage gewittert. Danach wird es hier freundlicher. Bis Samstag sind Darmstadts Plätze abends eine Bühne, ohne Eintritt. Die Residenzfestspiele fangen an, zehn Tage lang. Die Lilien, also der SV Darmstadt 98, haben endlich ihren Stürmer. Und ganz am Ende geht es um einen Mann aus Bronze, an dem du auf dem Luisenplatz vermutlich täglich vorbeiläufst, ohne zu wissen, was er mit dem schwedischen Königshaus zu tun hat.

Heute drin:

  • Warum du seit fünf Wochen kein Wasser mehr aus dem Bach nehmen darfst

  • Das Wochenende: Straßentheater umsonst auf den Plätzen der Stadt, Festspiel-Auftakt im Innenhof, Soul und Grill, Saisoneröffnung am Böllenfalltor

  • Die Altstadtanlage wird ab August zur Baustelle

  • Zum Schluss: Warum der Lange Ludwig noch steht, und wem er seinen Titel verdankt

DER AUFMACHER

Was ein Juli fast ohne Regen mit Darmstadt macht

Am 27. Juni ist in Darmstadt eine Allgemeinverfügung in Kraft getreten, hier stand sie damals als Dreizeiler. Seitdem ist es verboten, Wasser aus Bächen, Teichen und Seen zu entnehmen. Sie gilt bis auf Widerruf, und fünf Wochen später sieht man, warum. Ausgenommen sind das Tränken von Vieh und genehmigte Entnahmen. Und, das ist die Zeile für alle mit Garten, das Schöpfen mit Handgefäßen. Eimer und Gießkanne ja, Pumpe und Schlauch nein.

Warum, hat der Deutsche Wetterdienst am Donnerstag vorgerechnet. In Hessen sind im Juli rund 14 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. So wenig war es in einem Juli noch nie, seit die Messreihen laufen, und unter allen Bundesländern war Hessen damit das trockenste. Dazu 20,2 Grad im Monatsmittel, wo 16,9 der Normalwert wären, und 283 Sonnenstunden statt 204.

Was das mit einem Wald macht, war am Mittwochabend zu besichtigen. Unterhalb des Melibokus bei Zwingenberg brannten rund 3.000 Quadratmeter, 144 Einsatzkräfte löschten bis in die Nacht. Das ist keine zwanzig Kilometer südlich von hier. Die Ursache ist unklar, menschliche Fahrlässigkeit schließt niemand aus. Der Waldbrandgefahrenindex des Wetterdienstes stand am Donnerstag für den Kreis Darmstadt-Dieburg auf der höchsten Stufe, fünf von fünf. Die Stadt hat schon Ende Juni daran erinnert, dass außerhalb der ausgewiesenen Grillplätze überhaupt kein Feuer entzündet werden darf und Autos auf Parkplätze gehören, weil ein heißer Katalysator trockenes Gras entzündet. Schon ein Funke oder eine weggeworfene Zigarette könne bei dieser Trockenheit einen großflächigen Brand auslösen.

Und das Wasser, das noch da ist, kippt. Der Große Woog ist offen, das Arheilger Mühlchen auch, beide bis 20 Uhr, und bei beiden rät das Gesundheitsamt vom Baden ab. Am Woog steht seit dem 14. Juli „Sichttiefe unter 0,5 m! Erschwerte Rettung Ertrinkender", seit dem 23. Juli zusätzlich „Achtung Cyanobakterien! Kinder und Hunde sollen Kontakt zur Algenblüte vermeiden." Cyanobakterien sind das, was alle Blaualgen nennen. Beim Mühlchen stehen beide Hinweise schon seit dem 15. Juli, dort ergänzt um „und Schlieren auf dem Wasser".

Freigegeben sind die Seen trotzdem, mit der Einstufung „ausgezeichnete Qualität". Das ist kein Widerspruch, sondern eine Eigenart des Systems. Die Einstufung stützt sich auf zwei Fäkalkeime, E. coli und Enterokokken, und wird aus den Messwerten mehrerer Badesaisons berechnet. Sie beschreibt die letzten Jahre, nicht das Wasser von heute. Algenblüten laufen an dieser Bilanz vorbei und führen zu einer Empfehlung, nicht zu einem Verbot. Baden darfst du also. Auf eigene Verantwortung. Das Mühltalbad in Eberstadt ist wegen der Grundsanierung weiter zu, einen Eröffnungstermin nennt niemand.

Ich hatte das Mühlchen am 17. Juli in Nr. 4 noch als Hitze-Tipp. Der Hinweis des Gesundheitsamts lief da bereits seit zwei Tagen. Ich habe ihn nicht geprüft, weil ich Öffnungszeiten für eine harmlose Information gehalten habe. Sind sie nicht, wenn das Wasser das Thema ist.

Und die Hitze, die zu alldem gehört, ist nicht nur lästig. Das Robert-Koch-Institut schätzt für Hessen bis zum 19. Juli rund 1.350 hitzebedingte Sterbefälle. Das ist kein gezählter Wert, sondern ein Modell aus Sterbe- und Wetterdaten. Aber es sind mehr als in jedem ganzen Jahr seit 2016.

Ausgerechnet an diesem Freitag soll es kippen. Der Wetterdienst warnt für Südhessen vor kräftigen Gewittern, örtlich mit heftigem Starkregen, Hagel und schweren Sturmböen. Auf ausgetrocknetem Boden versickert so ein Guss kaum, das meiste läuft oben weg. Danach wird es kühler. Das ist Erleichterung, keine Entwarnung. Was einem ganzen Monat fehlt, bringt ein Nachmittag nicht zurück.

Das heißt für dich: Kein Feuer außerhalb der ausgewiesenen Grillplätze, auch kein Einweggrill im Park. Kein Wasser aus Bach, Teich oder See, außer von Hand mit der Kanne. Rauch im Wald: 112.

Wer sicher schwimmen will, geht ins DSW-Freibad an der Alsfelder Straße 33 im Norden, ein Beckenbad mit aufbereitetem Wasser, Freitag ab 8 Uhr, Samstag und Sonntag ab 9, jeweils bis 20 Uhr.

Wer trotzdem an den See geht, hält Kinder und Hunde von den Algenschlieren weg. Wer Algenwasser schluckt, bekommt gereizte Haut und Augen, dazu Magen und Darm; Kinder und Hunde trifft es zuerst, weil sie am meisten schlucken. Auch der halbe Meter Sichttiefe ist kein Schönheitsfehler. Das Gesundheitsamt begründet seinen Hinweis damit, dass ein Retter im trüben Wasser niemanden schnell findet. Den tagesaktuellen Stand der Badegewässer führt das Land unter badeseen.hlnug.de.

Und wenn eine ältere Nachbarin allein unter dem Dach wohnt, klingel diese Woche einmal.

DAS WOCHENENDE (31. JULI – 2. AUGUST)

Wo kein Preis steht, ist der Eintritt frei.

Nach drei dünnen Wochen laufen jetzt zwei Festivals gleichzeitig. Just for Fun bespielt zum dreiunddreißigsten Mal die Plätze der Stadt, umsonst und draußen, noch bis Samstag. Und die Residenzfestspiele fangen an, zum sechsundzwanzigsten Mal, zehn Tage lang.

FREITAG, 31. JULI

Just for Fun: Los Hobos und Zinzi & Evertjan, Johannesplatz im Johannesviertel · 20.30 Uhr · Hutgeld. Das Straßentheaterfestival läuft seit Mittwoch und nimmt sich jeden Abend einen anderen Platz vor. Der eine Act ist Physical Comedy mit Musik, der andere Partnerakrobatik zu zweit. Bezahlt wird hinterher, was dir der Abend wert war. Bei Gewitter vorher kurz auf die Festivalseite schauen.

Eröffnung der Residenzfestspiele: Les Haricots Rouges · 20.30 Uhr, Einlass 19.30 · Kollegiengebäude, also der Innenhof des Regierungspräsidiums am Luisenplatz 2 · ab 20 €. Ein französisches Sextett, das seit 1963 New-Orleans-Jazz spielt, macht die Festspiele auf. Motto in diesem Jahr: „In eine bessere Welt". Karten über ztix.de oder telefonisch unter 06151 20400.

Mainouche, Gypsy Jazz, Kulturzentrum AGORA am Ostbahnhof · 20 Uhr · 18 € (erm. 12 €). Vier Musiker spielen Django Reinhardt und Standards aus den Zwanzigern und Dreißigern, reserviert wird per Mail.

Südostbasar, Turnhalle der Elly-Heuss-Knapp-Schule im Kohlbergweg, Darmstadt-Ost · Freitag 14 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 17 Uhr. Einmal im Jahr wird hier Gespendetes verkauft, von Kleidung bis Schallplatten, der Erlös geht an gemeinnützige Vereine.

BVM-Sommerfest im Bürgerpark, an der Grillhütte des Bezirksvereins Martinsviertel · ab 16 Uhr Gegrilltes und Crêpes, ab 19 Uhr Beach-Party mit DJ.

SAMSTAG, 1. AUGUST

Just for Fun: Kurzauftritte in der Innenstadt, rund um den Marktplatz · 13.15 bis 16.30 Uhr · Hutgeld. Mehrere Künstlerinnen und Künstler nacheinander, mitten im Samstagstrubel. Wer einkaufen geht, läuft ohnehin hinein.

SV 98 gegen Portsmouth FC, Merck-Stadion am Böllenfalltor · 14 Uhr, Stadion offen ab 12 · 5–30 €. Es ist die Generalprobe und die offizielle Saisoneröffnung, mit Partnerständen, Vereinshymne und Autogrammstunde nach dem Abpfiff.

We need Soul! Topshake BBQ Vol. 7, Kulturzentrum Bessunger Knabenschule · 17 Uhr. Soul von Vinyl aus den Sechzigern und Siebzigern, gegrillt wird vegan im Hof.

BVM-Sommerfest im Bürgerpark · 11 bis 13 Uhr Frühschoppen mit Live-Musik, ab 14 Uhr Hüpfburg und Kinderschminken.

Just for Fun: Abschlussveranstaltung, Friedensplatz · 20.30 Uhr · Hutgeld. Am Ende treten die Künstlerinnen und Künstler des Samstagsprogramms noch einmal gemeinsam auf, dazu ein Duo an Trapez und Zirkusartistik.

Golden Voices of Gospel, Kollegiengebäude · 20.30 Uhr, Einlass 19.30 · ab 22 €. Gospel und Spirituals unter freiem Himmel.

Floh- und Trödelmarkt, Parkplatz Pallaswiesenstraße nahe Heizkraftwerk · 10 bis 15 Uhr.

SONNTAG, 2. AUGUST

Bodecker & Neander, „Opus 4", Kollegiengebäude · 20.30 Uhr · ab 20 €. Pantomime ohne ein Wort, mit optischen Täuschungen und Handschatten. (Die Matinee des Duo Amabile am Vormittag ist ausverkauft.)

Und falls es zu heiß wird für draußen: „Paradaidha" von Robert Zandvliet, Kunsthalle am Steubenplatz · Mi bis So, 11 bis 17 Uhr · 12 € (erm. 7 €). Läuft noch bis 30. August, und drinnen ist es kühl.

Der Innenhof des Regierungspräsidiums ist das ganze Jahr über ein Durchgang, durch den alle nur hindurchlaufen. An diesem Wochenende ist er drei Abende lang ein Konzertsaal ohne Dach.

SCHON VORMERKEN

Bis So, 9. August: Residenzfestspiele. Nach dem Eröffnungswochenende zieht das Festival um, erst ins Jagdschloss Kranichstein (4. und 5. August), dann auf die Mathildenhöhe (6. bis 9. August).

Sa, 8. August, 13 Uhr: Ligastart. Die Lilien empfangen Holstein Kiel zum ersten Pflichtspiel der neuen Zweitliga-Saison.

KURZ & KNAPP

Die Altstadtanlage wird ab August zur Baustelle. Am 29. Juli war Spatenstich, gebaut wird bis Frühjahr 2027, die Fläche ist während der Arbeiten gesperrt und soll abschnittsweise wieder aufmachen. Geplant sind 1.400 Quadratmeter Stauden, über 150 neue Sträucher und 100 Quadratmeter Sandflächen, in denen Insekten nisten können. Die Wege bekommen gesägten Granit, befahrbar mit Rollstuhl und Rollator, dazu ein Leitsystem für Blinde. Die Grünanlage ist das Kernprojekt im Sanierungsgebiet Kapellplatz/Woogsviertel/Ostbahnhof.

Am Rathaus hängt die Regenbogenfahne. Oberbürgermeister Hanno Benz hat sie am 26. Juli hissen lassen, einen Tag nach dem Anschlag im Umfeld des Christopher Street Day in Berlin. Das sei „ein Anschlag auf Menschen, die so leben und lieben wollen, wie sie sind", sagte Benz. Die Fahne bleibt bis zum Darmstädter CSD am 15. August.

Darmstadt liegt derzeit auf Platz 2 beim Entsiegelungswettbewerb „abpflastern", in der Kategorie Großstädte. Entsiegelt wurde unter anderem an der Stiftskirche und in der Gundolfstraße. Mitmachen können auch Privatleute, dokumentiert wird bis 31. Oktober unter abpflastern.de, dann steht das Ergebnis fest.

DER GRUSS

Die Heinerpost grüßt diese Woche die Anzeigetafel am Böllenfalltor.

BAUSTELLEN & BAHN

  • Der Sommerferien-Fahrplan der HEAG mobilo läuft noch bis 9. August, betroffen sind unter anderem die Linien AIR, F, FM, L, WE1, WE2, 1, 2, 3, 5, 7 und 9. An den Haltestellen Schloss und Schulstraße sowie auf der Linie 3 fallen zeitweise die digitalen Anzeigen und die EC-Kartenzahlung aus. Wer diese Linien nutzt, schaut besser vorher in die Meldungen der HEAG mobilo statt auf die App.

  • Die Linie R verliert bis 9. August fünf Haltestellen wegen der Bauarbeiten an der Kreuzung Rüdesheimer Straße/B3.

LILIEN-WATCH

Der Stürmer ist da. Vergangene Woche stand hier noch, der SV 98 habe seinen kompletten Angriff verkauft und keinen Mittelstürmer gefunden. Seit Mittwoch hat er einen. Hojae Lee, 25, kommt von den Pohang Steelers aus Südkorea und bekommt die Trikotnummer 9. Aufgewachsen ist er zum Teil in Neuseeland, wo sein Vater für Auckland City spielte. In Pohang kommt er auf 177 Spiele und 53 Tore, in der vergangenen Saison 15 Tore in 34 Ligaspielen. Drei Länderspiele hat er auch. Sport-Geschäftsführer Paul Fernie sagt, Lee sei „bereit für den Schritt nach Europa". Die Ablöse nennt der Verein nicht.

Viel Zeit zum Ankommen bleibt ihm nicht. Am 8. August fängt die Saison an.

Und einer ist noch gegangen: Sergio Lopez wechselt nach zwei Jahren zu Granada CF nach Spanien.

AUS DEM POSTFACH

Eine Leserin hat mir Ende Juli geschrieben, sie fände es schön, wenn der Sport hier nicht so viel Platz bekäme. Das saß, weil sie recht hat. Fußball steht bei mir jede Woche auf der Liste, Kunst kam wochenlang gar nicht drauf. Drei Wochen hintereinander stand in meinen Notizen kein einziges Wort von einer Ausstellung.

Ab dieser Woche schaue ich sechs Häuser fest durch: Kunsthalle, Landesmuseum, Mathildenhöhe, Galerie Netuschil, Fotogalerie Weißer Turm und die Galerien der TU. Ein Kunst- oder Kulturtermin steht ab jetzt immer bei den Wochenend-Tipps, diesmal die Zandvliet-Ausstellung oben. Einen eigenen Kunst-Kasten wird es nicht geben, der würde die Kunst nur wieder in die Ecke stellen. Sie soll zwischen allem anderen stehen.

ZUM SCHLUSS

Napoleons lästigster Marschall

Auf dem Luisenplatz steht ein Mann aus Bronze, neununddreißig Meter über dem Verkehr, und keiner schaut hoch. Es ist Großherzog Ludewig I., so schrieb er sich selbst, und hier nennen ihn alle den Langen Ludwig. Zwölf Darmstädter Bürger riefen 1837 das ganze Großherzogtum zum Spenden auf, damit er dort steht. Was ihm den Großherzogstitel eingebracht hat, steht nicht am Sockel. Er verdankt ihn Napoleon.

Vor dem Rheinbund, Napoleons Bündnis deutscher Fürsten, war Ludewig Landgraf eines mittelgroßen Fleckens. Danach war er Großherzog, und bezahlt hat er das mit Soldaten, die für Napoleon nach Spanien zogen, nach Österreich, nach Russland. Kronen verteilte der Kaiser in diesen Jahren wie Orden, an Brüder und Schwäger. Die Krone, die am längsten halten sollte, hat er nicht verteilt. Die bekam der Mann, den er am wenigsten leiden konnte.

Jean-Baptiste Bernadotte kam aus Pau am Fuß der Pyrenäen und war mit fünfundzwanzig Hauptfeldwebel. Das hieß: fertig, mehr wird nicht. Offizier wurde im alten Frankreich nur, wer vier Generationen Adel vorweisen konnte. Dann kam die Revolution und machte die Leiter frei, und wenige Jahre später war der Feldwebel General. Den Marschallstab bekam er, als Napoleon Kaiser wurde.

Seine Stellung benutzte er vor allem, um Napoleon zu ärgern. Geheiratet hatte er Désirée Clary, Napoleons frühere Verlobte, die der Kaiser für Joséphine hatte sitzen lassen. Beim Staatsstreich, der Napoleon an die Macht brachte, hielt er sich heraus und sah zu. Bei Wagram brachen ihm die Sachsen weg, und statt zu schweigen, lobte er sie hinterher in einer eigenmächtigen Proklamation als die wahren Sieger des Tages. Napoleon schickte ihn in Ungnade nach Paris und nahm ihm wenig später das Kommando.

Ein Karrieretipp ist das keiner.

Diese Geschichte habe ich vor ein paar Wochen aufgeschrieben und dann liegen lassen, weil ich dachte, sie geht Darmstadt nichts an. Das war ein Irrtum, und er ist neununddreißig Meter hoch.

Und dann das. Schweden braucht 1810 einen Thronfolger. Der König ist kinderlos, der designierte Nachfolger gerade gestorben. Ein neunundzwanzigjähriger Leutnant namens Mörner fährt auf eigene Faust nach Paris und bietet den Posten ausgerechnet Bernadotte an. Zu Hause stellt die Regierung in Stockholm den Leutnant für diese Frechheit erst einmal unter Hausarrest. Es klappt trotzdem. Der Reichstag wählt den Mann aus Pau einstimmig zum Kronprinzen. Schwedisch lernt er nie richtig, er regiert auf Französisch.

Drei Jahre später steht der Kronprinz seinem alten Chef gegenüber, an der Spitze eines Heeres aus Preußen, Russen und Schweden. Bei Großbeeren stoppt seine Armee den französischen Vorstoß auf Berlin. Bei Leipzig lässt er sich bitten, rückt spät heran und greift erst am dritten Tag ein, als die Sache ohnehin läuft. Nach Leipzig rechnet auch Darmstadt neu, und Ludewig unterschreibt in Frankfurt den Übertritt zu Napoleons Gegnern. Zwei Männer, die der Kaiser gemacht hat, stehen am Ende auf der Seite, die gewinnt. Ludewig behält seinen Titel, bekommt Rheinhessen dazu, die Gegend um Mainz und Worms, und heißt am Ende Großherzog von Hessen und bei Rhein.

So bequem, wie die Geschichte sich erzählen lässt, ist sie allerdings nicht. Bernadotte ist kein Glückspilz. Wer bei Leipzig zögert, während zwei andere Armeen bluten, ist nicht träge, der rechnet. Und die Schweden holen sich keinen Sympathieträger, sondern einen, der Napoleons Handwerk von innen kennt. Er stand nicht im Weg. Er stand bereit.

Napoleon endet in der Verbannung, auf einem Felsen im Südatlantik. Bernadotte stirbt alt und im eigenen Bett, als König von Schweden, und im selben Jahr weihen die Darmstädter ihre Säule ein.

Ganz zu Ende ist die Sache damit nicht. Auf Schloss Heiligenberg über Jugenheim, keine fünfzehn Kilometer südlich von hier, kommt 1889 ein Mädchen zur Welt. Sie heißt Louise von Battenberg, ihre Familie schreibt sich im Englischen später Mountbatten, und ihr Großvater ist der Großherzog, der damals in Darmstadt regiert. Sie heiratet den schwedischen Kronprinzen, einen Ururenkel des Feldwebels aus Pau, und wird Königin von Schweden. Kinder bekommen die beiden keine. Die zwei Linien berühren sich genau einmal, und dann nicht mehr.

Nicht immer gewinnt der, der alles richtig macht. Manchmal der, der einfach stehen bleibt. Der Lange Ludwig kann das. In der Brandnacht 1944 sank der ganze Luisenplatz um ihn herum in Schutt und Asche, er blieb stehen. Als der Verkehr auf dem Platz nicht mehr zu bändigen war, wurden 1973 Forderungen laut, das Denkmal abzureißen oder zu versetzen. Verlegt wurde am Ende der Verkehr, unter die Erde. Er steht immer noch mitten drin.

Das war die Heinerpost Nr. 6.

Tu mir einen Gefallen und leite diese Mail an einen Heiner weiter, der Darmstadt mag wie du. So wächst das hier, ganz ohne Algorithmus, von Nachbar zu Nachbar.

Tipp, Event oder Fehler entdeckt? Antworte einfach auf diese Mail, sie landet direkt bei mir. Manche Fragen beantworte ich hier in der Ausgabe, dich nenne ich dabei höchstens mit Vornamen. Wenn du das nicht möchtest, schreib es einfach dazu.

Bis nächsten Freitag,

Max ⚜️

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