

Garderobe vor der Mensa. Für den Nachmittag fehlen an manchen Schulen die Plätze.
AUSGABE NR. 10 · FREITAG, 28. AUGUST 2026
Ei gude! ☕
In den Grundschulen dieser Stadt wird der Platz knapp. Wer sein Kind jetzt einschult, hat Anspruch auf Betreuung bis in den Nachmittag. Wer den Nachmittag bezahlt, steht in keinem Gesetz. Zum Schluss nehme ich dich mit ins Jahr 1887, und von dort ziemlich direkt ins Jahr 2031.
Heute drin:
Ganztag für Erstklässler: was sich für Darmstädter Familien ändert
Kerb in Wixhausen: vier Tage Programm, ein Lauf, ein Theaterstück
Die Lilien vor dem Hannover-Heimspiel, mit einem Abschied
Was eine alte Darmstädter Entscheidung über Europas KI-Frage weiß
▌ DER AUFMACHER
Geplant waren 140 Euro. Es sind 185 geworden.
Mit diesem Schuljahr hat sich für Darmstädter Familien etwas Grundsätzliches geändert. Jedes Kind, das jetzt eingeschult wird, hat einen Rechtsanspruch auf Betreuung über den ganzen Schultag, an fünf Tagen die Woche, acht Stunden am Tag. Der Anspruch wächst mit den Jahrgängen hoch, ab dem Schuljahr 2029/30 gilt er für alle Grundschulkinder. Beschlossen hat ihn der Bund. Einlösen muss ihn die Stadt.
An allen städtischen Grundschulen ist die Betreuung bis 14:30 Uhr kostenlos. Wer sein Kind bis 17 Uhr betreuen lässt, zahlt 185 Euro im Monat. Geplant waren einmal 140. Der Magistrat hat den Betrag im vergangenen Jahr angehoben, und Schuldezernent Holger Klötzner sagte offen, warum: Der bisherige Kostenvorteil für Eltern lasse sich „im Kontext der aktuellen Haushaltslage und mit Blick auf die steigende Nachfrage für Betreuungsplätze“ nicht aufrechterhalten. Auf ein Schuljahr zurückgerechnet wären das rund 890.000 Euro mehr, und damit will die Stadt die Betreuungsplätze ausbauen, die der Rechtsanspruch nötig macht. Das Recht kommt vom Bund, die zusätzlichen Plätze zahlen die Eltern mit, die sie nutzen.
Wie der Ausbau praktisch aussieht, steht in einer Vorlage aus dem Rathaus. An der Friedrich-Ebert-Schule in der Heimstättensiedlung reicht die Mensa von 2012 nicht mehr, das Mittagessen passt selbst in drei Schichten nicht auf die Plätze. Der Platz dafür kommt aus dem Bestand: Die Schulbibliothek ist schon in die Aula gezogen, die abgesenkte Sitzkuhle wurde geschlossen, die Küche übernimmt künftig ein Caterer. Den Umbau zahlt ein Förderprogramm, 15 Prozent der förderfähigen Kosten trägt die Stadt. Zwei Gebäude, im Förderantrag noch für den Ganztag eingeplant, sollen ganz herausfallen: das alte Hausmeisterhaus und die frühere Advent-Kita. Begründung der Verwaltung: Sanierungsstau.
Das heißt für dich: Der Anspruch gilt für alle Kinder, die jetzt in die erste Klasse oder eine Vorklasse kommen, also das Jahr vor der ersten Klasse, eine Pflicht ist er nicht. Die Anmeldung läuft über das Kinderbetreuungsportal der Stadt. Und wer den Nachmittag an der Schule braucht, rechnet mit 185 Euro im Monat, warmes Mittagessen extra.
▌ DAS WOCHENENDE (28.–31. AUGUST)
Kerb in Wixhausen, das Kirchweihfest des nördlichsten Stadtteils, Freitag bis Montag. Los geht es Freitagabend mit Kerbmarsch und Bieranstich. Samstag folgt ab 15 Uhr der 36. Wixhäuser Kerblauf, Start und Ziel an der TSG-Sporthalle, Im Appensee 30. Anmeldung bis 14:30 Uhr am Lauftag, später mit Aufschlag; Startgeld 6 bis 12 Euro. Für Sonntag nennt das Programm den Kerbgottesdienst, nachmittags das Theaterstück „Ein Mann für Rosi“ der evangelischen Theatergruppe in der Gemeindehaus-Scheune und abends das „Spiel ohne Grenzen“ auf dem Kerbplatz. Der Montag beginnt mit dem Handwerkerfrühschoppen.
Künstlergespräch mit Robert Zandvliet, Samstag, 15 Uhr, Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1. Vergangene Woche an dieser Stelle angekündigt, jetzt die letzte Gelegenheit: Die Ausstellung „Paradaidha" endet am Sonntag (geöffnet 11–17 Uhr, Eintritt 12 Euro, ermäßigt 7).
Straßentheater am Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe, Sonntag 19:30 Uhr. Der Just for Fun Express, ein Straßentheater-Bringdienst auf Lastenrädern, beendet dort seine Sommertour, mit Partnerakrobatik, Trapez und Handschattentheater. Gesammelt wird per Hut. Davor spielt die Truppe am Freitag bei Menschenskinder in Kranichstein und am Samstag am Kalkofen in Arheilgen, beide um 19:30 Uhr.
▌ SCHON VORMERKEN
Sa, 5. September: Go.BioFair auf dem Friedensplatz, 10–15 Uhr. Markt für Umwelt und Nachhaltigkeit mit rund 60 Ständen und Livemusik der Downtown Bigband. Um 11 Uhr werden die Darmstädter Umweltdiplome verliehen.
So, 6. September: 15. Fahrradaktionstag auf dem Marktplatz, 11–16 Uhr, Eintritt frei (die Fahrradwaschanlage kostet 5 Euro). Um 11:30 Uhr ist die Stadtradeln-Preisverleihung.
▌ KURZ & KNAPP
An der Goethestraße halten die Bahnen gerade nicht. Die Haltestelle wird barrierefrei umgebaut: taktiles Leitsystem, digitale Anzeiger mit Sprachausgabe und ein Hochbord, fünf Zentimeter höher als an den bisherigen Haltestellen. Den Anfang macht bis Ende September die Seite Richtung Innenstadt; die Linien 3 und 7 halten ersatzweise an der Karlstraße, Höhe Hausnummer 96 stadteinwärts und 79 stadtauswärts. Nachzulesen beim Projekt IGEL3, das den Umbau verantwortet.
15 Nachwuchsforschende aus mehr als zehn Ländern lernen gerade in Darmstadt, wie man Astronauten und Satelliten vor kosmischer Strahlung schützt. Die Summer School von ESA und FAIR nutzt beide Darmstädter Adressen: eine Woche im Satellitenkontrollzentrum ESOC, eine am Beschleunigerzentrum GSI/FAIR. Mehr als 50 Bewerbungen im Jahr, 15 Plätze. Zu den Vortragenden gehörte der frühere ESA-Astronaut Thomas Reiter.
▌ DER GRUSS
Die Heinerpost grüßt diese Woche die Ranzen, die in Darmstadts Grundschulen jetzt länger am Haken hängen als früher.
▌ LILIEN-WATCH
Sonntag, 13:30 Uhr, Heimspiel gegen Hannover 96 im Merck-Stadion am Böllenfalltor, 3. Spieltag. Die Lilien, Darmstadts Zweitligist, haben gerade den ersten Pflichtspielsieg seit März eingefahren, 2:1 im DFB-Pokal beim Regionalligisten Carl Zeiss Jena. In der Liga steht nach zwei Spielen allerdings erst ein Punkt. Dazu ein Abschied. Innenverteidiger Matej Maglica geht zum türkischen Erstligisten Kocaelispor, nach drei Jahren, 81 Pflichtspielen und neun Toren.
▌ ZUM SCHLUSS · IM CARREE
Die eigene Leitung
Im Carree, mitten in der Innenstadt, steht ein Haus, in dem heute getanzt wird. Ich war noch nicht lange in Darmstadt, als ich dort auf einer Russendisko mit meiner späteren Frau getanzt habe. Über der Tür stand ein Name, an den ich damals keinen Gedanken verschwendet habe. Centralstation. Klingt nach Bahnhof, war aber wörtlich gemeint.
1888 ging in der Schuchardstraße das erste städtische Elektrizitätswerk in Betrieb, mit vier Dampfmaschinen (zusammen 380 PS) und gut hundert Kunden. Die Hallen, in denen heute die Konzerte laufen, kamen erst später dazu. Das Bemerkenswerte ist ohnehin der Beschluss davor. Am 23. Juni 1887 stimmten die Stadtverordneten einstimmig für die Errichtung einer „Centralstation für elektrische Beleuchtung“. Grundlage war ein Gutachten von Erasmus Kittler, der an der heutigen TU auf dem ersten Lehrstuhl für Elektrotechnik in Deutschland saß. Den Lehrstuhl gab es seit fünf Jahren. Der Bericht nannte unter anderem zwei Gründe. Der erste war Gesundheit: Elektrisches Licht verbrauche keinen Sauerstoff, erzeuge keine schädlichen Gase, sei weniger feuergefährlich. Der zweite war das Geschäft. Die Main-Neckar-Bahn, hieß es, versorge sich bereits selbst, und der Großherzog habe angekündigt, Theater und Palais 1888 elektrisch zu beleuchten, mit städtischem Strom oder mit eigenem. Man müsse bauen, um das Geschäft mit dem Strom nicht aus der Hand zu geben. Ob sich das je rechnen würde, konnte niemand wissen. Die Stadt baute trotzdem ihr eigenes Kraftwerk und ihre eigenen Leitungen.
Das ist die Kulisse. Die Geschichte, um die es mir geht, ist zweieinhalb Monate alt.
Am 11. Juni haben acht Europäerinnen und Europäer ein Papier ins Netz gestellt. „Europa 2031“ heißt es, und es ist kein Gutachten, sondern eine Erzählung: Zwei erfundene Figuren, eine französische Beamtin bei der EU-Kommission und ein deutscher KI-Gründer im Silicon Valley, laufen durch die Jahre bis 2031, an deren Ende Europa nur noch zwischen schlechten Optionen wählt. Eine Prognose sei das ausdrücklich nicht, betonen sie, sondern ein Versuch, den Kontinent wachzurütteln. Ihr Ausgangspunkt ist eine Zahl von heute: gerade einmal fünf Prozent der weltweiten KI-Rechenleistung liegen in Europa, gegenüber rund achtzig Prozent in den Vereinigten Staaten.
Die Wirklichkeit holte den Text sofort ein: Einen Tag nach der Veröffentlichung untersagte das amerikanische Handelsministerium dem KI-Anbieter Anthropic unter Berufung auf die nationale Sicherheit, Ausländer an seine zwei neuesten Modelle zu lassen. Genau die Sorte Eingriff, die das Szenario beschreibt. Seither wird gestritten. Der schärfste Einwand zielt auf die Grundannahme: Das Papier übernimmt die Rechnung der großen amerikanischen Konzerne, nach der gewinnt, wer die meiste Rechenleistung besitzt. Das ist eine These, keine Naturkonstante.
Und dann steht da, im ersten von fünf Vorschlägen, ein Satz, den ich unterschreibe. Europa, heißt es dort, müsse öffentliches und privates Kapital mobilisieren in einer Größenordnung, wie der Kontinent sie in Friedenszeiten noch nie gewagt habe, und zwar dort, wo das Fundament liegt: bei der Energie, den Halbleitern und den Rechenzentren. Ganz vorn steht also nicht der Chip, sondern der Strom. Und Strom braucht Europa auch dann, wenn die These falsch ist. Für Rechenleistung im zweistelligen Gigawattbereich brauche es eine gezielte Energiepolitik und Genehmigungsverfahren, die radikal kürzer sind als heute. Und dann: „Allein wird Europa das nicht stemmen.“ Es solle mit amerikanischen Anbietern zusammenarbeiten, aber nur zu Bedingungen, die die Infrastruktur in europäischer Hand lassen und den Zugang zur Spitzen-KI verbindlich sichern. Drei Vorschläge weiter heißt es, bei den großen Sprachmodellen dürfte Europa kaum noch mithalten; seine Chance liege in der physischen KI, also bei Robotern, die in der echten Welt arbeiten. Wer 1887 im Kopf hat, liest das erst einmal als Kapitulation.
Ist es aber nicht, und der Beweis steht hier im Darmstädter Norden. Im Green IT Cube auf dem Gelände der Beschleunigerzentren GSI und FAIR läuft seit 2023 eine Maschine des Hessischen Zentrums für Künstliche Intelligenz, bezahlt mit gut vierzehn Millionen Euro von Land und Bund. Sie heißt fortytwo; in „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist 42 die Antwort auf alles, nur die Frage dazu kennt niemand. In ihrem ersten Jahr stand sie auf Platz 99 der schnellsten Rechner der Welt. Und auf Platz 41 der sparsamsten. Die Kühlung kommt mit weniger als sieben Prozent des Stroms aus, den das Rechnen selbst verbraucht. Hessen hat sich also durchaus eine eigene Leitung gelegt, und eine effiziente dazu.
Nur eben in klein. Diese eine Maschine zieht 353 Kilowatt. Erst da beginnt die eigentliche Rechnung. Zehn Gigawatt, die untere Kante dessen, was das Papier für ganz Europa verlangt, sind knapp dreißigtausend solcher Maschinen. Ein Jahr lang gerechnet brauchen sie ungefähr ein Sechstel des deutschen Stromverbrauchs obendrauf. Der ist seit 2007 gesunken, nicht gestiegen.
Rechenleistung ist vor allem Strom. Wer sie will und die Erzeugung nicht dazubaut, hat nichts entschieden, sondern nur bestellt.
Ob Europas Zusammengehen mit den amerikanischen KI-Anbietern Partnerschaft wird oder Abhängigkeit, entscheidet dieselbe Frage wie 1887: Könnten wir zur Not auch ohne sie? Unser Denken hängt heute an Kabeln und Rechenzentren. Die meiste KI-Rechenleistung steht in den Vereinigten Staaten. Mündig ist nicht, wer alles selber baut. Mündig ist, wer auch ohne fremde Leitungen könnte. Wir könnten heute nicht. Die Summe, die das Papier fordert, ist eine Geldfrage. Die Genehmigungsverfahren, die es im selben Vorschlag fordert, sind keine.
In den Hallen der Centralstation wird weiter getanzt. Ich habe damals nicht an 1887 gedacht, und das ist auch in Ordnung. Häuser müssen ihre Vorgeschichte nicht vorzeigen. Aber es gibt diese Hallen nur, weil ein paar Leute an einem Junitag entschieden haben, bevor irgendetwas sicher war.
Es waren keine Weltmächte. Eine mittelgroße Residenzstadt, ein Professor, ein Bericht, eine Abstimmung. Größer ist so ein Anfang nicht.
Den Anstoß zu dieser Geschichte gab Heinerpost-Leser Christian. Er hat die Centralstation aufs Blatt gebracht und von Anfang an mitgedacht. Herzlichen Dank, Christian. Solche Post ist das Schönste an diesem Newsletter.
Zum Weiterlesen: das Szenario „Europa 2031“ unter europe2031.ai/de, auf Deutsch und mit einer Kurzfassung, die in zehn Minuten zu lesen ist. Kittlers Argumente von 1887 stehen in der HEAG-Chronik auf heag.de, die Daten zum Werk von 1888 im Stadtlexikon Darmstadt.
Das war die Heinerpost Nr. 10.
Bis nächsten Freitag,
Max ⚜️
P.S. Die Frau von der Russendisko hat am Sonntag Geburtstag. Diese Ausgabe ist für sie.
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