This website uses cookies

Read our Privacy policy and Terms of use for more information.

AUSGABE NR. 2 · FREITAG, 3. JULI 2026

Ei gude! ☕

Ich bin's, Max. Gestern Abend hat das Heinerfest angefangen, und damit die fünf unübersichtlichsten, lautesten, schönsten Tage des Darmstädter Jahres. Die deutsche Elf ist diese Woche gegen Paraguay rausgeflogen, knapp im Elfmeterschießen. Schade. Aber diese Woche gehört sowieso der Stadt. Ich hab mich für diese Ausgabe hingesetzt und nachgeschlagen, wie das alles eigentlich begonnen hat. Ehrlich gesagt hatte ich das noch nie gemacht. Es lohnt sich.

Heute drin:

  • Woher das Heinerfest wirklich kommt (und was das mit September 1944 zu tun hat)

  • Das Wochenende: Carree, Herrngarten, Postsiedlung, Salsa

  • Arheilgen feiert 150 Jahre, die Lilien kommen zum Testspiel

  • Zum Schluss: Warum Lesen kein Hobby ist, sondern ein Umbau im Kopf, und was das mit unserer Stadt zu tun hat

DER AUFMACHER

Im Winter 1950 hatten sie eine Idee

In der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 wurde Darmstadt in weniger als einer Stunde nahezu vollständig zerstört. Tausende Menschen starben. Was übrig blieb, war eine Stadt in Trümmern.

Sechs Jahre später, im Winter 1950, begann eine Gruppe genau hier. Nicht mit einer Gedenkfeier, sondern mit der Idee für ein Fest. Die Stadt sollte feiern. Weil Feiern das Gegenteil von Aufgeben ist. Den Namen ließ die Initiative per öffentlichem Aufruf von der Bevölkerung finden. Die Mehrheit stimmte für „Heinerfest".

Vom 29. Juni bis zum 2. Juli 1951 fand es zum ersten Mal statt. Festpräsident war Julius Reiber. Der Leitgedanke, der darüber stand: „Triumph der Lebensfreude über die Tristesse der Nachkriegsjahre". Hans J. Reinowski, Gründer des Darmstädter Echos, nannte es „ein Fest der Wiedergeburt".

75 Jahre später läuft das 76. Heinerfest, seit gestern Abend, bis Montag, 6. Juli. Die Eröffnung war um 18 Uhr in Hausmanns Heinergadde, dem großen Ausschank am Marktplatz, mit über 120 Veranstaltungen im Stadtgebiet.

Ich gebe zu, dieser Ursprung verändert meinen Blick aufs Fest. Es ist nicht nur Rummel und ein Schoppen zu viel. Es ist ein Trotz, der jetzt 75 Jahre hält.

Das heißt für dich: Das Gelände ist frei zugänglich, das vollständige Programm steht auf heinerfest.de. Und falls du neu in Darmstadt bist: das hier ist das Fest schlechthin. Die Straßenbahnen fahren eingeschränkt, dazu gleich mehr.

DAS WOCHENENDE

Wo kein Preis steht, ist der Eintritt frei.

FREITAG, 3. JULI

SoundClowns · 19 Uhr · Centralstation Carree, Innenstadt. Verschiedene Genres direkt auf dem Festgelände. Wer heute Abend noch nichts vorhat: hier ist der kürzeste Weg rein.

SAMSTAG, 4. JULI

JaponSon · 16 Uhr · Konzertmuschel Herrngarten · Promenadenkonzert der Stadt. Nachmittag, Wiese, Livemusik, keine Karte.

Shaqua Spirit & DJ D-Zero · 19 Uhr · Centralstation Carree. Rock- und Pop-Hits aus vier Jahrzehnten.

Lilien-Schoppen bei Hausmanns Heinergadde · Treff der Lilien-Fans auf dem Festgelände, Uhrzeit auf heinerfest.de.

SONNTAG, 5. JULI

5nach12 · 11 Uhr · Kiosk 1975, Postsiedlung · Promenadenkonzert. Sonntag, frischer Morgen, Grünanlage, ich würde das mitnehmen.

Salsa Nacht im Carree · 18 Uhr · Centralstation Carree. Zum ersten Mal beim Heinerfest: Schnuppertanzkurs, Live-Band, DJs, Showeinlagen. Nichts für Zuschauer, hier tanzt man. Wenn ich dieses Wochenende eine Sache auswählen würde: diese hier, weil man selbst tanzt, statt nur zuzuschauen.

LILIEN-WATCH

Bei den Lilien, dem SV Darmstadt 98, hat Trainer Florian Kohfeldt am Sonntag, 28. Juni, die Saison-Vorbereitung eröffnet, nicht am Böllenfalltor (dem Lilien-Stadion im Süden der Stadt), sondern im Odenwald. Über 400 Fans kamen bei 35 Grad nach Lindenfels zur öffentlichen Einheit. Kohfeldt: „Ein sehr gelungener Auftakt."

Drei neue Zugänge seit der letzten Ausgabe: Ibrahim El Kadiri (von De Graafschap Doetinchem, Niederlande), Lars Kehl (VfL Osnabrück, ablösefrei) und Yannik Lührs (22 Jahre, Verteidiger, TSG Hoffenheim II).

Morgen, Samstag, spielen die Lilien ein Testspiel bei der SG Arheilgen, die in diesem Jahr 150 Jahre alt wird. Das Viertel-Spotlight dazu steht weiter unten.

Wer über den Sommer plant: Trainingslager Bad Wörishofen, 19.–26. Juli, danach das erste öffentliche Testspiel mit dem neuen Kader gegen den Portsmouth FC am 1. August, im Merck-Stadion am Böllenfalltor. Tickets und Testspielplan auf sv98.de.

KURZ & KNAPP

Trockenheit: kein Wasser mehr aus Bächen und Seen. Seit Samstag, 27. Juni, untersagt die Stadt per Allgemeinverfügung wegen der anhaltenden Dürre die Entnahme von Wasser aus Bächen, Teichen und Seen, bis auf Widerruf. Ausgenommen bleiben das Tränken von Vieh und das Schöpfen mit Handgefäßen. Wer seinen Garten mit Pumpe oder Schlauch aus dem Bach wässert: das ist vorerst nicht erlaubt.

Großer Woog wieder offen. Nach einer Laborkontrolle sind Inselbad (ab Fr 26. Juni) und Familienbad (ab Sa 27. Juni) wieder zugänglich. Bei der Hitze die beste Nachricht der Woche.

Wissenschaftsstadt, konkret. Zwei Sachen für alle, die bei Merck, ESOC, GSI oder der TU arbeiten: Prof. Christian Hasse (TU Darmstadt) hat im März den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis bekommen, den wichtigsten deutschen Forschungspreis, 2,5 Millionen Euro für die Frage, wie Verbrennung langfristig ohne CO₂-Ausstoß auskommt. Und auf der Mathildenhöhe zeigt das FAIR Science Pop-Up (bis 31. Januar 2027) interaktiv, woran das Forschungszentrum GSI/FAIR arbeitet, also warum Darmstadt seit 1997 offiziell Wissenschaftsstadt heißt. Eintritt vorher auf mathildenhoehe.eu prüfen.

OB Benz zieht Halbzeitbilanz. Nach drei Jahren im Amt zählt Hanno Benz auf, was angeschoben ist: Klinikfusion, kommunale Wärmeplanung, ein Zehn-Punkte-Plan für die Sicherheit, dazu die Bürgerbefragung zur Straßenbahn nach Wixhausen. Was bei der Klinikfusion genau mit wem passiert, lässt die Stadt noch offen.

BAUSTELLEN & BAHN

Was diese Woche und gleich danach nervt, damit du's einplanst:

  • Heinerfest-Wochenende: Linien 5, 6 und 7 fahren eingeschränkt (bis Mo 6. Juli). Vor Fahrten in die Innenstadt App oder heagmobilo.de prüfen.

  • Ab Di 7. Juli, Linie 3 (Bessungen): kein Tram mehr, nur noch Bus statt Bahn (Schienenersatzverkehr) über die Klappacher Straße, bis 9. August. Die IGEL3-Baustelle geht in Phase 2. Wer in Bessungen wohnt oder arbeitet: ab Dienstag früh einplanen. Details.

  • Ab Mi 8. Juli: Gleisdreieck Rhein-/Neckarstraße gesperrt bis 17. August. Direkt nach dem Fest die nächste Innenstadt-Einschränkung.

  • AirLiner Frankfurt Terminal 1: Haltestelle bis 31. Juli an Stop 25 statt am regulären Platz.

AUS DEN VIERTELN: ARHEILGEN

Die Auferstehungskirche in Arheilgen.

Arheilgen ist Darmstadts nördlichster Stadtbezirk: eigener Ortskern, Felder ringsherum, das Mühlchen am kleinen See, ein dichtes Vereinsleben.

Der älteste dieser Vereine feiert in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag. Die SG Arheilgen wurde 1876 gegründet und gehört damit zu den ältesten Sportvereinen der Stadt. Zum Jubiläum hat der Club eine eigene Chronik herausgegeben, und für morgen Samstag, 4. Juli, hat er das Lilien-Erstteam zum Freundschaftsspiel eingeladen.

Wer den SV 98 nah erleben will, ohne Zweitliga-Eintrittspreise: das hier ist die Gelegenheit. Genaue Anstoßzeit vorher auf sg-arheilgen.de oder sv98.de prüfen.

→ Dein Viertel tut was und keiner schreibt drüber? Sag Bescheid.

ZUM SCHLUSS

Die Magie des Lesens

Lesen ist kein Hobby. Es ist ein Umbau im Kopf. Diesen Satz habe ich letzte Woche gelesen, und ich werde ihn nicht mehr los. Er stammt vom Londoner Autor Sam Kriss, aus einem Essay mit dem denkbar großen Titel „Reading is Magic“. Der Titel klingt nach Kalenderspruch. Was dahintersteht, ist keiner.

Kriss erzählt von einem Forscher, der vor fast hundert Jahren durchs sowjetische Zentralasien zog und Bauern Rätsel stellte. „Im hohen Norden sind alle Bären weiß. Diese Insel liegt im hohen Norden. Welche Farbe haben die Bären dort?“ Wer nicht lesen konnte, zuckte mit den Schultern: Er sei nie dort gewesen, könne es nicht sagen. Leute mit ein paar Monaten Schreibunterricht dagegen lösten sie mühelos. Die Schrift hatte in ihren Köpfen einen neuen Raum geöffnet. Den Raum für das Was-wäre-wenn.

Genau dieser Raum, sagt Kriss, macht uns frei. Wer sich eine andere Welt vorstellen kann, kann für sie streiten. Wer nur glaubt, was direkt vor Augen liegt, bleibt beim Gerücht.

Und heute? Er zählt die Alarmzahlen auf. Studierende, die an einem Absatz Dickens scheitern. Junge Leute, die Politik nur noch aus Videos ziehen. Nicht dumm, nur ungeübt. Lesen ist ein Muskel, und Muskeln bilden sich zurück.

Ganz folgen mag ich ihm trotzdem nicht. Ich merke da eine Ambivalenz: Einerseits lesen wir so viel wie keine Generation vor uns, andererseits keine langen Texte mehr. Bücher, die ganze Generationen geprägt haben, wirken auf einmal naiv. Vielleicht ist das gar kein Verfall, sondern eine Verschiebung. Bücher haben mächtige Konkurrenz bekommen: Video erklärt vieles schneller und verlangt fast nichts von einem. Aber genau da liegt der Haken. Was ganz ohne Anstrengung hereinkommt, öffnet keinen von diesen Räumen im Kopf.

Ein Gedanke bleibt trotzdem hängen, und der passt ausgerechnet hierher. In Darmstadt sitzt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Jeden Herbst vergibt sie den Büchner-Preis, den wichtigsten deutschen Literaturpreis, benannt nach Georg Büchner, einem Kind dieser Gegend. Wir wohnen mitten in einer Stadt, die das Lesen feiert.

Nimm das ruhig als Einladung. Wenn der Heinerfest-Trubel mal abklingt, leg das Handy weg und lies etwas Langes. Freiwillig. Ein Buch, eine Reportage, meinetwegen diesen Newsletter bis zum Ende.

Solange du das hier liest, bleibt das Licht an.

Das war die Heinerpost Nr. 2.

Tu mir einen Gefallen und leite diese Mail an einen Heiner weiter, der Darmstadt mag wie du. So wächst das hier, ganz ohne Algorithmus, von Nachbar zu Nachbar.

Tipp, Event oder Fehler entdeckt? Antworte einfach auf diese Mail, sie landet direkt bei mir.

Bis nächsten Freitag,

Max ⚜️

Heinerpost · unabhängiges, privates Lokalmedium aus Darmstadt, kein amtliches Organ der Stadt
Impressum · Datenschutz

Keep Reading