

Die Dianaburg im Wald bei Arheilgen, 1808 abgerissen. Aquarell nach dem Gemälde von Georg Adam Eger.
AUSGABE NR. 4 · FREITAG, 17. JULI 2026
Ei gude! ☕
Sommerferien, und im Terminkalender steht wenig. Zeit für das, was sonst liegen bleibt. Die Stadtverwaltung konnte Ende Juni zwei Tage lang keine E-Mails empfangen, und was danach passiert ist, hat mich ehrlich überrascht. Dazu ein dünnes Wochenende, ich sag’s ehrlich, aber mit zwei echten Terminen. Und ganz am Ende ein Waldstück bei Arheilgen, in dem die Landgrafen zwei Häuser bauten, wenige hundert Meter voneinander entfernt. Nur eins steht heute noch.
Heute drin:
Die Stadt schreibt sich selbst eine ungewöhnlich offene Mängelliste
Das Wochenende: Tennis-Finale in Bessungen, Promenadenkonzert im Herrngarten
Was ab Montag in Eberstadt und in der Stadtbibliothek zumacht
Zum Schluss: zwei Häuser im Wald, fünf Minuten Fußweg auseinander
▌ HEUTE LÄUFT EINE FRIST AB
Fertige Pässe und Ausweise, die du in Eberstadt bestellt hast, kannst du dort nur noch heute bis 11.30 Uhr abholen. Falls du das später liest: Ab Montag läuft alles über das Bürger- und Ordnungsamt am Luisenplatz 5 in der Innenstadt.
▌ DER AUFMACHER
Die Stadt gibt sich ein schlechtes Zeugnis
Ende Juni war die Stadtverwaltung rund zwei Tage per E-Mail nicht erreichbar. Ein genaues Datum nennt niemand. Der Ausfall ist aber die kleinere Geschichte. Die größere steht in dem Papier, das die Stadt danach veröffentlicht hat.
Darin listet sie auf, was bei ihrer eigenen IT über Jahre schiefgelaufen ist: keine klaren Vorgaben, die falschen Projekte zuerst, angefangene Aufgaben liegen gelassen, zu wenig Personal, zu wenig Geld. Herausgekommen sind, in den Worten der Verwaltung, „erhebliche Technologieschulden“. Ich habe selten eine Behörde gesehen, die ihre eigene Mängelliste so offen ausbreitet, statt sie hinter einer Formel wie „im Rahmen der Digitalisierung“ verschwinden zu lassen.
Oberbürgermeister Hanno Benz steuert die zentralen IT-Vorhaben jetzt persönlich, zusammen mit Holger Klötzner, dem Digitaldezernenten. Fünf neue Stellen kommen kurzfristig dazu, eine Taskforce ist eingesetzt. Das größte Vorhaben ist der Umstieg auf Microsoft 365. Das alte Mailsystem GroupWise nennt die Stadt selbst veraltet und nur mit hohem Aufwand stabil zu halten. Die Einführung soll ein stadtnaher Dienstleister übernehmen.
Das heißt für dich: Heute, am 17. Juli, löscht die Stadt alle E-Mails und Kalendereinträge, die vor dem 1. Januar 2011 eingegangen oder verschickt wurden. Betroffen sind die Postfächer, nicht die Akten. Wer sich aber auf eine alte Mail-Korrespondenz mit einem Amt berufen wollte, sollte nicht darauf setzen, dass sie dort noch liegt. Verlass dich nie auf das Archiv einer Behörde. Sichere deinen eigenen Schriftverkehr.
▌ DAS WOCHENENDE (17.–19. JULI)
Wo kein Preis steht, ist der Eintritt frei.
Sommerpause ist Sommerpause. Staatstheater und Centralstation bleiben bis August dicht, und außer den beiden folgenden Terminen habe ich in der Stadt nichts gefunden, das ich guten Gewissens empfehlen kann.
SAMSTAG UND SONNTAG, 18./19. JULI
50. Tennis International, Damentennis · Finalwochenende · Tageskarte 13 Euro, Familie 24 Euro · TC Bessungen 2000, Hinter der Rennbahn 1, Bessungen. Die Reihe wird in diesem Jahr 50, nach Angaben des Veranstalters ist es das älteste durchgehend ausgetragene Damenturnier der Welt, Schirmherrin ist Barbara Rittner. Feste Anstoßzeiten gibt es nicht, der Spielplan wird tagesaktuell auf der Turnierseite veröffentlicht. Wenn ich an diesem Wochenende nur eine Sache machen dürfte, dann das. 50 Jahre Weltklasse-Damentennis, nicht auf einem Rasen in England, sondern auf einer Vereinsanlage hinter der Rennbahn. Nah genug, um die Bälle zu hören.
Promenadenkonzert: Pickin’ Rooster Band · So 19. Juli, 11 Uhr · Konzertmuschel im Herrngarten. Sonntagvormittag im Park, Decke oder Klappstuhl mitbringen, Sitzplätze gibt es keine.
Wer eine halbe Stunde Fahrt nicht scheut: Das Traffic Jam Open Air auf dem Verkehrsübungsplatz Dieburg läuft Freitag und Samstag (Tickets kostenpflichtig), das Starkenburg Festival in Heppenheim von Freitag bis Sonntag, laut Veranstalter bei freiem Eintritt.
Und wenn es drückt: Das Arheilger Mühlchen, das Freibad im Norden, hat in den Sommerferien noch bis 7. August täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Das Mühltalbad in Eberstadt und das DSW-Freibad öffnen samstags und sonntags erst um 9 Uhr und schließen um 20 Uhr. Kassenschluss ist überall eine Stunde vor Schließung, Badeschluss eine halbe Stunde vorher.
▌ LILIEN-WATCH
Bei den Lilien, dem SV Darmstadt 98, ist Vorbereitungszeit, die Wochen also, in denen Ergebnisse nichts bedeuten und trotzdem alle hinschauen. Leon Klassen, 26, war zuletzt an den Grazer AK in Österreich ausgeliehen. Jetzt wechselt er fest dorthin.
Zu den Terminen, damit nichts durcheinandergerät: Am 1. August kommt zur Saisoneröffnung der Portsmouth FC ins Merck-Stadion am Böllenfalltor, kurz: ins Bölle. Das stand hier schon. Ernst wird es eine Woche später. Das erste Pflichtspiel ist Samstag, 8. August, 13 Uhr, daheim gegen Holstein Kiel. Der Mitglieder-Vorverkauf dafür läuft seit Mittwoch, dem 15. Juli. Details auf sv98.de.
▌ SCHON VORMERKEN
Mo, 20. bis Fr, 31. Juli: Bezirksverwaltung und Meldestelle Eberstadt komplett geschlossen. Einen Grund nennt die Stadt nicht. In der Zeit läuft alles, was du sonst dort erledigst, über das Bürger- und Ordnungsamt am Luisenplatz 5.
Mo, 20. bis Mo, 27. Juli: Die Stadtbibliothek schließt komplett, wegen des Softwareumstiegs. Heute und morgen ist die letzte Gelegenheit zum Ausleihen und Verlängern, sonntags ist ohnehin zu.
▌ KURZ & KNAPP
Die Polizei hat am 10. Juli bei einer Schwerpunktkontrolle 35 E-Scooter überprüft, an der Hügelstraße, der Pallaswiesenstraße und am Luisenplatz. Fünf Fahrer hatten keine Versicherung. Drei fuhren Geräte, die schneller sind, als ihre Fahrerlaubnis erlaubt, eines davon lief 40 Stundenkilometer. Einer stand unter Drogeneinfluss. Die Kampagne „E-Scooter? Nur mit Plan.“ läuft seit Anfang Juli.
An der Edith-Stein-Schule in der Seekatzstraße bekommen die Kinder einen Zebrastreifen. Die Schule liegt in zwei Gebäuden. Wer vom einen ins andere musste, kam bisher nur sicher hinüber, wenn eine Lehrkraft die Kinder über die Straße lotste. Fertig wird der Übergang bis Ende Juli, nutzen können ihn die Kinder nach den Sommerferien.
▌ DER GRUSS
Die Heinerpost grüßt diese Woche die Rolltreppe im Luisencenter.
▌ BAUSTELLEN & BAHN
Endlich vorbei: Die Haltestellen Kreuzkirche und Thomas-Mann-Platz der Linie AH in Arheilgen sind seit dem 22. Juni wegen eines Wasserrohrbruchs gesperrt. Heute ist der letzte Tag, ab Samstag halten die Busse dort wieder.
Lohbergtunnel (B426), Mo 20. bis Fr 24. Juli, jeweils 20 bis 5 Uhr gesperrt, wegen Wartung und Tests der Sicherheitstechnik. Umleitung Richtung Darmstadt über die B449, Richtung Ober-Ramstadt über Waschenbach, Frankenhausen und Nieder-Modau.
Glasfaser in Kranichstein: ENTEGA verlegt vom 20. Juli bis 7. August Leerrohre in der Jägertorstraße, Hausnummern 179 bis 179 D. Rechne mit Lärm und Halteverboten rund um die Baustelle.
Der Sommerferien-Fahrplan gilt weiter bis 9. August: Linien 1 und 5 entfallen, Linie 2 fährt nur zwischen Hauptbahnhof und Maulbeerallee, auf den Linien 3 und 9 fahren ab Luisenplatz Ersatzbusse. Aktuelles auf heagmobilo.de.
▌ ZUM SCHLUSS
Zwei Häuser im Wald, fünf Minuten auseinander
Zwischen Arheilgen und Kranichstein, mitten im Wald, standen einmal zwei Häuser der Landgrafen, keine fünf Minuten Fußweg voneinander entfernt. Das eine war zum Bewundern gebaut. Das andere zum Arbeiten. Heute steht nur noch eines von beiden, und es ist nicht das, das man erwarten würde.
Das erste war die Dianaburg. Landgraf Ludwig VIII. ließ sie 1765 errichten, ein Rokoko-Lustschlösschen im Mittelpunkt eines Sterns aus Waldschneisen, mit einem Kabinett im Turm, von dem aus man der Jagd zusehen konnte, ohne selbst zu reiten. Es war ein Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn. Dieser Sohn, der spätere Ludwig IX., verbot 1768, kaum im Amt, die Parforcejagd. Sein Vater und sein Großvater hatten diese Hetzjagd zu Pferd, mit großen Hundemeuten, über Jahrzehnte gepflegt. Der Landwirtschaft hatte sie schwer zugesetzt. Das Geschenk war damit sinnlos geworden. Die Dianaburg verfiel, die napoleonischen Kriege beschädigten sie, und 1808 wurde sie an Arheilger Bürger zum Abbruch versteigert. Die trugen sie ab, Stein für Stein.
Das zweite Haus war die Forsthofreite Kalkofen, gebaut zwischen 1707 und 1713 auf landgräflichem Grund, kein Schlösschen, sondern der Dienstsitz eines Försters. Seinen Namen hat es nicht von einem Dorf und nicht von einem Fürsten, sondern von einer Kalkgrube nebenan, die die Arheilger schon im Mittelalter nutzten. Genug für den Mörtel eines Dorfes, zu wenig, um in irgendeiner Statistik des Landesamts vorzukommen. Gereicht hat es trotzdem, um dem ganzen Ort seinen Namen zu geben.
Ich schreibe das nicht aus der Ferne. Der Kalkofen ist für uns ein Familienort, unzählige Abende dort mit den Kindern und mit Freunden, und danach die Läufe im Dunkeln über die abgeernteten Sommerfelder, dieser Geruch nach frisch geschnittenem Weizen, der für mich einfach Sommer heißt. Das bleibt. Bei mir, und bei den Kindern erst recht. Deshalb habe ich überhaupt angefangen nachzulesen, was ein paar hundert Meter weiter im Wald eigentlich fehlt.
Abwärts ging es mit dem Haus trotzdem, nur langsam. 1874 wurde es zur einfachen Forstwartei herabgestuft. 1968 löste man das Forstrevier Kalkofen ganz auf. 1969 ging das Anwesen in Privatbesitz, 1979 brannte es. Seit 1982 führt die Familie Bausch dort eine Gastwirtschaft, heute mit über tausend Plätzen, mit Damwildgehege, Pfauen und Teich.
Man kann das für Zufall halten. Ein Brand, ein Käufer, eine Familie mit Geschäftssinn, mehr nicht. Aber der Unterschied zwischen den beiden Häusern war von Anfang an angelegt. Das Lustschloss hatte genau einen Zweck, das Zusehen, und als der Zweck wegfiel, blieb nur Kulisse. Das Forsthaus konnte immer wieder etwas anderes sein, Amtssitz, Wartei, Privathaus, Wirtschaft. Es hat jeden Abstieg überlebt, weil es sich jedes Mal neu gebrauchen ließ.
Nicht einmal die Dianaburg ist übrigens ganz verschwunden. An ihrer Stelle steht seit 1836 ein schlichter Nachfolgebau, und seit 2012 kann man darin heiraten. Auch der hat also einen zweiten Zweck gefunden, nur eben nicht als Schlösschen. Überdauert hat hier nicht das Schönere, und nicht einmal das Wichtigere. Sondern das, was sich noch einmal anders gebrauchen ließ, als der erste Zweck vorbei war.
Wenn du also demnächst dort sitzt, im Schatten, mit einem Schoppen vor dir, dann sitzt du an der Stelle, die vor 250 Jahren als das unwichtigere der beiden Häuser galt. Das Rokoko ist weg. Der Grillrauch ist da. Und draußen liegen die Felder.
Zu finden am Kalkofenweg 90 in Arheilgen, am Waldrand Richtung Kranichstein. Die Öffnungszeiten stehen auf der Betreiberseite widersprüchlich, ruf besser vorher an.
Das war die Heinerpost Nr. 4.
Tu mir einen Gefallen und leite diese Mail an einen Heiner weiter, der Darmstadt mag wie du. So wächst das hier, ganz ohne Algorithmus, von Nachbar zu Nachbar.
Tipp, Event oder Fehler entdeckt? Antworte einfach auf diese Mail, sie landet direkt bei mir.
Bis nächsten Freitag,
Max ⚜️