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Der Riegerplatz im Martinsviertel, wie er an einem Sommerabend aussehen könnte.

AUSGABE NR. 3 · FREITAG, 10. JULI 2026

Ei gude! ☕

Das Riesenrad ist abgebaut, die Stadt hat sich diese Woche wieder zurückverwandelt in eine ganz normale Stadt. Die Ruhe habe ich genutzt, um einer Frage nachzugehen, die hier letzte Woche offen hängen blieb: Wenn zwei Krankenhäuser eins werden, wer landet dann eigentlich wo? Die Antwort gibt es, man muss sie nur zusammensuchen. Dazu ein Flohmarkt vorm Stadion am Böllenfalltor, ein 12:0 und, ganz am Ende, ein Gedanke über leere Plätze, der mich diese Woche nicht losgelassen hat.

Heute drin:

  • Die Klinikfusion bekommt ein Gesicht: wer künftig wohin muss

  • Das Wochenende: der erste Lilien-Flohmarkt, zwei Promenadenkonzerte

  • Die Lilien gewinnen ihr erstes Testspiel mit 12:0

  • Zum Schluss: was von rund 700.000 Menschen auf einem Platz übrig bleibt, wenn sie wieder weg sind

DER AUFMACHER

Wenn's drauf ankommt, weißt du jetzt, wohin

Letzte Woche stand hier, der Oberbürgermeister zähle die Klinikfusion zu seiner Halbzeitbilanz. Was genau mit wem passiert, lasse die Stadt aber offen. Das stimmt so nicht ganz, habe ich inzwischen gelernt. Die Auflösung existiert, sie steht nur verstreut in den Fusionspapieren und Pressemitteilungen der letzten Monate. Ich habe sie zusammengetragen.

Seit 1. Juni ist die Holding amtlich vollzogen, wirksam rückwirkend zum 1. Januar. Das städtische Klinikum Darmstadt und das evangelische Elisabethenstift bilden zusammen die Südhessen Kliniken. Beide Häuser sind mit jeweils 60 Prozent ihrer Anteile eingebracht. Mit rund 1.300 Planbetten an zwei Standorten ist das neue Haus das zweitgrößte Krankenhaus in Hessen.

Und jetzt der Teil, der wirklich zählt: Das Elisabethenstift konzentriert sich künftig auf Psychosomatik und Psychiatrie, Dermatologie, Augenheilkunde, Geriatrie, Palliativmedizin, ambulante Operationen und Orthopädie. Alles andere übernimmt das Klinikum, inklusive der zentralen Notaufnahme des Elisabethenstifts. Geführt wird die Holding von einem Dreierteam: Sven Axt kaufmännisch, Dr. Jörg Noetzel medizinisch, Michele Tarquinio pflegerisch.

Mir macht eine Zahl wie 1.300 Betten unter einem Dach eher mulmig als sicher. Größer heißt nicht automatisch schneller, wenn's mal eilig ist. Aber immerhin ist die Aufgabenteilung jetzt klar, nicht mehr nur ein Prinzip auf Papier.

Das heißt für dich: Akuter Notfall, egal wie er anfängt, landet künftig in aller Regel im Klinikum. Psychiatrie, Psychosomatik, Augenheilkunde, Geriatrie und Palliativmedizin findest du dagegen am Elisabethenstift in der Landgraf-Georg-Straße. Die eigentliche bauliche Umsetzung an den Standorten Campus Mitte und Campus Woog beginnt laut Plan erst ab 2027, für dich als Patient ändert sich also nicht von heute auf morgen etwas an den Wegen.

DAS WOCHENENDE

Wo kein Preis steht, ist der Eintritt frei.

SONNTAG, 12. JULI

Erster Lilien-Flohmarkt · 10–15 Uhr · Vorplatz Merck-Stadion am Böllenfalltor. Der SV Darmstadt 98, unsere Lilien, lädt zum allerersten eigenen Flohmarkt vorm Stadion, Stöbern ist kostenlos, wer selbst einen Stand will, meldet sich vorher an. Für die Bölle-Bande, den Kinder-Fanclub der Lilien, ist der Stand in Begleitung eines Erwachsenen umsonst. Der ganze Erlös aus den Standgebühren geht an den Tierschutzverein Kellerranch e.V. Wenn ich an diesem Wochenende nur eine Sache empfehlen dürfte, dann die hier.

Promenadenkonzert: Just Friends · 11 Uhr · Konzertmuschel Herrngarten. Die kostenlosen Sonntagvormittagskonzerte im Park, Decke einpacken, fertig.

Promenadenkonzert: Jazzy James · 16 Uhr · Blätterdach Rosarium, Park Rosenhöhe. Diesmal nicht Herrngarten, sondern das Rosarium, eine der schöneren Ecken der Stadt, die man sonst kaum als Konzertort nutzt.

Für Freitag und Samstag hatte ich bis Redaktionsschluss nichts Belastbares gefunden, das Staatstheater ist seit 5. Juli in der Sommerpause. Für Kurzentschlossene lohnt ein Blick auf centralstation-darmstadt.de.

LILIEN-WATCH

Die Lilien haben ihr erstes Testspiel der Saisonvorbereitung mit 12:0 gegen die SG Arheilgen gewonnen, vor 2.276 Zuschauern am Arheilger Mühlchen. Der Klassenunterschied war deutlich zu sehen. Kilian Corredor traf dreifach, Kehl doppelt, und Neuzugang Lance Duijvestijn (27, zuvor Sparta Rotterdam) eröffnete gleich bei seinem ersten Auftritt den Torreigen. Zum 150. Vereinsjubiläum der SG Arheilgen hatte ENTEGA als einer der Lilien-Sponsoren dieses Testspiel gestiftet, ein schönes Geschenk zum runden Geburtstag, auch wenn's für den Gastgeber sportlich bitter ausging.

Nach dem Trainingslager (19.–26. Juli, Bad Wörishofen) steht die Saisoneröffnung an: Samstag, 1. August, 14 Uhr, Merck-Stadion am Böllenfalltor, gegen den Portsmouth FC. Die Stadiontore öffnen schon mittags, mit Ständen und Programm rund ums Spiel. Details auf sv98.de.

SCHON VORMERKEN

Di, 14. Juli, 18 Uhr, Merck-Stadion: Kinder-Spieltag beim Homburg-Testspiel. Der erste Kinder-Spieltag am Bölle. Unter-18-Jährige zahlen auf der Haupttribüne 1 Euro, alle anderen 8 Euro, dazu gibt es Programm für die Kleinen rund um die Tribüne. Tickets online und an der Stadion-Tageskasse.

Fr, 17. Juli, 16–20 Uhr, Luisenplatz: Tanzrausch mit Debby. Die städtische Suchtprävention bringt mit „Rauschzeit" kostenlose Mitmach-Aktionen mitten auf die Plätze der Stadt, diesmal ein offener Tanz-Workshop.

20.–27. Juli: Stadtbibliothek komplett geschlossen. Wegen eines Softwareumstiegs schließen Justus-Liebig-Haus, Eberstadt und Kranichstein eine ganze Woche, keine Ausleihe, keine Rückgabe. In der Onleihe gehen bei der Umstellung Vormerkungen, Merklisten und nicht heruntergeladene Titel verloren, schon Heruntergeladenes bleibt lesbar. Der Bücherbus fällt schon seit dem 29. Juni und noch bis zum 10. August aus. Wer noch was verlängern will: vorher erledigen.

KURZ & KNAPP

Die Stadt hat ihren Haushalt 2026 durch. Das Regierungspräsidium hat ihn ungewöhnlich früh im Jahr genehmigt und lobt dabei ausdrücklich die Sparbemühungen. Die Stadt verlässt damit die vorläufige Haushaltsführung, Vereine und Zuschussempfänger bekommen wieder planbare Auszahlungen, Investitionen laufen ohne Einzelgenehmigung weiter. Der Preis: Haushaltsausgleich bis 2029, dazu der Abbau von 40 Stellen bis dahin. Für alle, die bei der Stadt arbeiten oder von ihr Fördergeld bekommen, wird der Sparkurs in den nächsten Jahren spürbar, kurzfristig können liegen gebliebene Projekte jetzt aber anlaufen.

25.000 Haushalte werden zu ihrer Stadt befragt. TU Darmstadt und h_da starten den Darmstadt-Monitor, eine große wissenschaftliche Bürgerbefragung zu Demokratiezufriedenheit, Vertrauen in Institutionen und Wohnen. Falls ein Brief von TU oder h_da zur Stadtbefragung ankommt, ist er echt. Erste Ergebnisse werden für den Sommer erwartet.

Das FAIR Science Pop-Up auf der Mathildenhöhe ist tatsächlich kostenlos, für alle Altersgruppen, wie das Forschungszentrum GSI selbst bestätigt, „von 5 bis 95". Schulklassen können sich anmelden. In der letzten Ausgabe war das noch offen.

DER GRUSS

Die Heinerpost grüßt diese Woche den Löwen auf dem Marktbrunnen.

BAUSTELLEN & BAHN

  • Haltestelle Goethestraße wird diesen Sommer barrierefrei. Nach dem Heinerfest beginnen die Hauptarbeiten: neue Gleise, 45 Meter lange Bahnsteige, höhere Bordsteinkante, ein taktiles Leitsystem für Sehbehinderte. Der Kanal in der Moosbergstraße ist bis in den Winter hinein im Umbau.

  • Die große IGEL3-Baustelle (Grunderneuerung der Linie 3 zwischen Karlstraße und Landskronstraße) beginnt dagegen erst 2028, abhängig vom Planfeststellungsverfahren. Wer sich fragt, warum ständig kleine Vorarbeiten laufen, aber die Straße noch nicht komplett aufgerissen ist: genau deshalb.

  • Schienenersatzverkehr auf Linie 3 (Bessungen) läuft weiter, noch bis 9. August. Auch das Gleisdreieck Rhein-/Neckarstraße bleibt gesperrt, die Linie 9 fährt dort als Bus. Aktuelles auf heagmobilo.de.

ZUM SCHLUSS

Die leeren Plätze

Vier Tage ist es jetzt her, dass hier noch rund 700.000 Menschen unterwegs waren. Riesenrad auf dem Marktplatz, Fahrgeschäfte auf Karolinenplatz und Friedensplatz, Weingärten auf der Schlossbastion, Popcorn- und Bratwurstduft in jeder Gasse. Das 76. Heinerfest ist abgebaut, und was bleibt, ist ein Marktplatz, der wieder nur ein Marktplatz ist.

Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg hat für genau diese Sorte Ort einen Begriff geprägt: den „dritten Ort". Erster Ort ist das Zuhause, zweiter die Arbeit, dritter der neutrale Treffpunkt dazwischen, an dem niemand fragt, was du beruflich machst. Café, Kneipe, Platz. Oldenburgs eigene Beispiele dafür sind, ausgerechnet, der deutsche Biergarten und die Wiener Kaffeehausrunde. Der dritte Ort ist nivellierend (Status zählt dort nicht), zwanglos zugänglich, ein Zuhause außerhalb des eigenen Zuhauses.

Solche Orte werden seltener. Der Soziologe Robert Putnam zeigte in „Bowling Alone", dass zwischen 1980 und 1993 das Liga-Bowling in den USA um über 40 Prozent einbrach, während die Zahl der Leute, die überhaupt bowlten, sogar leicht stieg. Man geht noch raus, nur eben nicht mehr zusammen organisiert. In Deutschland ist die Zahl der Schankwirtschaften seit den 1990ern auf unter die Hälfte gefallen. Unser Sozialhirn, sagt man, ist auf überschaubare, sich wiederholende Begegnungen kalibriert, nicht auf tausende lose Kontakte im Feed.

Bringt uns ein Fest wie das Heinerfest wirklich näher zusammen? Ich bin mir da, ehrlich gesagt, nicht sicher. Fünf Tage nebeneinander auf einem Platz zu stehen ist noch keine Gemeinschaft. Aber genau deshalb ist mein Lieblingsort in Darmstadt nicht das Festgelände, sondern der Riegerplatz im Martinsviertel, ein paar Straßen weiter. Bis in die neunziger Jahre war das ein Parkplatz. Zwei Architekturstudenten und eine Anwohner-Initiative haben ihn zurückerobert, seit einem Magistratsbeschluss von 1995 ist er wieder Platz, mit Markt, Open-Air-Kino, Platzfest. Der Platz heißt übrigens nach Maximilian Rieger, der einst die Martinskirche daneben gestiftet hat.

Das Dorf, das solche Plätze früher trug, war natürlich kein Paradies. Es war auch Klatsch, Enge, ein Gericht ohne Berufung. Und für manche ist heute ausgerechnet der Feed der erste Ort, der sie überhaupt reinlässt, wo das Dorf sie draußen ließ. Vielleicht verklären wir bloß, was jede Generation an ihrer eigenen Jugend verklärt.

Trotzdem glaube ich: Das Kneipensterben ist kein Sterben des Bedürfnisses. Kneipen verschwinden, weil ihr Konzept alt geworden ist, nicht weil die Leute sich nicht mehr treffen wollen. Und je mehr wir vorm Bildschirm allein sind, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Gegenteil, nicht kleiner. Ich musste dabei an die Seine denken. Im Jardin Tino Rossi in Paris, unterhalb des Institut du Monde Arabe, verwandeln sich kleine steinerne Amphitheater am Fluss jeden Sommerabend in einen kostenlosen Freiluft-Ballsaal, Tango zuerst, dann Salsa, Swing, wer will, tanzt mit, wer will, sitzt auf den Stufen und schaut zu. Genau das, was Oldenburg meinte, nur eben neu erfunden. Was wäre das Woog-Ufer an so einem lauen Abend, oder eben der Riegerplatz?

Nächsten Sommer steht das Riesenrad wieder auf dem Marktplatz, fünf Tage lang. Die übrigen 360 Tage gehören uns. Der Riegerplatz hat klein angefangen, zwei Studenten, eine Handvoll Nachbarn, ein Parkplatz. Mehr braucht so ein Anfang nicht. Wenn du demnächst an einem lauen Abend über einen leeren Platz läufst, sieh ihn nicht als Lücke. Sieh ihn als Angebot.

Das war die Heinerpost Nr. 3.

Tu mir einen Gefallen und leite diese Mail an einen Heiner weiter, der Darmstadt mag wie du. So wächst das hier, ganz ohne Algorithmus, von Nachbar zu Nachbar.

Tipp, Event oder Fehler entdeckt? Antworte einfach auf diese Mail, sie landet direkt bei mir.

Bis nächsten Freitag,

Max ⚜️

PS. In der letzten Woche sind auffällig viele neue Leser dazugekommen. Falls dich jemand auf die Heinerpost aufmerksam gemacht hat, antworte mir gern mit einem Wort, wo. Ich würde mich gern bedanken.

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