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Die Eingangstür von Haus Behrens auf der Mathildenhöhe, 1901. Aquarell nach Fotografie.

AUSGABE NR. 5 · FREITAG, 24. JULI 2026

Ei gude! ☕

Heute vor genau fünf Jahren hat die UNESCO die Mathildenhöhe zum Weltkulturerbe erklärt. Was das ausgerechnet mit KI zu tun hat, steht ganz am Ende dieser Ausgabe. Vorher aber erstmal Fußball: Die Lilien haben diesen Sommer ihren kompletten Angriff verkauft und noch keinen Ersatz dafür gefunden. Dazu ein ruhiges Ferienwochenende mit drei echten Adressen, und ein Viertel, das mit seinem Sommerfest einfach umzieht, weil ein Kampfsport-Camp im Weg steht.

Heute drin:

  • SV 98 hat drei Stürmer verkauft, aber keinen Mittelstürmer geholt

  • Das Wochenende: Jagdschloss Kranichstein, Schlosskeller, Theater Moller Haus

  • Was sich in Martinsviertel und Innenstadt gerade tut

  • Zum Schluss: fünf Jahre Weltkulturerbe, ein Haus „von der Fassade bis zum Besteck"

DER AUFMACHER

Die Lilien haben ihre Tore verkauft

Fraser Hornby, elf Saisontore, geht zum VfL Wolfsburg. Isac Lidberg, siebzehn Tore, unterschreibt bis 2030 bei Borussia Mönchengladbach. Allein diese beiden standen vergangene Saison für 28 Tore. Und Killian Corredor, der dritte Angreifer, wechselt nach Frankreich, zu Nantes. Drei Stürmer, allesamt weg, in derselben Sommerpause.

Was das der Vereinskasse gebracht hat, sagt der SV Darmstadt 98 selbst nicht. Zum Hornby-Wechsel heißt es vom Verein nur, man habe mit Wolfsburg „Stillschweigen über die Ablösemodalitäten" vereinbart. Unabhängig davon kursieren in der Presse Schätzungen. Die hessenschau nennt für Hornby und Lidberg jeweils rund vier Millionen Euro, macht zusammen rund acht Millionen für die zwei. Mit Corredor dazu landen die Schätzungen bei etwa zehn Millionen. Eine Hausnummer, keine geprüfte Bilanz.

Untätig war der Verein dabei nicht. Eine ganze Reihe Zugänge ist schon da, einige hatten wir hier vermeldet: Noah Weißhaupt, Lars Kehl. Zuletzt kamen Carlo Sickinger aus Elversberg, Christopher Lannert aus Bielefeld und Florian Kleinhansl, ablösefrei aus Kaiserslautern. Abwehr, Mittelfeld, Flügel, alles verstärkt. Nur einen klassischen Mittelstürmer, einen Ersatz für die verkauften Torjäger, hat der Verein noch nicht gefunden. Sportdirektor Paul Fernie sagte vor wenigen Tagen, man befinde sich „in sehr guten Gesprächen", mahnte aber selbst: „Mit einigen Konstellationen muss man Geduld haben." Konkrete Namen nennt er nicht.

Ehrlich gesagt wäre mir das bei geschätzten zehn Millionen Euro Verkaufserlös und gut zwei Wochen bis zum Ligastart am 8. August etwas mulmig. Der Markt für Stürmer ist eng, viele Zweitligisten suchen dasselbe.

Das heißt für dich: Wenn du im August ins Bölle willst (das Stadion der Lilien, offiziell Merck-Stadion am Böllenfalltor), rechne damit, dass der Sturm zum Saisonstart noch im Umbau ist. Der Verein sucht, hat aber noch nichts vermeldet.

LILIEN-WATCH

Yannick Stark verstärkt die U21 in der Hessenliga. Eine Rückkehr ins Profi-Team ist das nicht: Der 35-Jährige soll die zweite Mannschaft als erfahrener Führungsspieler tragen.

Zwei klare Testsiege im Trainingslager: 5:1 gegen FC 08 Homburg, 4:1 nach Verlängerung gegen FC-Astoria Walldorf, Tore von Tom Steineck, Matej Maglica (doppelt) und Mika Schlosser. Das Trainingslager im Allgäu, zum zweiten Mal in Bad Wörishofen, läuft noch bis Sonntag.

Für alle mit Mitgliedskarte: Der Vorverkauf fürs Auswärtsspiel bei Dynamo Dresden (Sonntag, 16. August, 13.30 Uhr) läuft bereits, online und im Ticketshop am Merck-Stadion. Details auf sv98.de.

DAS WOCHENENDE (24.–26. JULI)

Wo kein Preis steht, ist der Eintritt frei.

Sommerferien, Sommerpause, das dritte dünne Wochenende in Folge. Diesmal tragen es ein Jagdschloss, ein Studi-Keller und ein kleines Theater.

FREITAG, 24. JULI

Nature Journaling im Jagdschloss Kranichstein · 14–16 Uhr · 10 € pro Person, Museumseintritt inklusive, Anmeldung nötig. Zeichnen können muss man nicht, nur neugierig sein, es geht ums genaue Hinschauen. Wer mit Kindern in den Ferien rauswill, statt nur ins Freibad, hat hier einen ruhigen Nachmittag im Wald vor der Tür in Kranichstein.

SAMSTAG, 25. JULI

70er80er-Party im Schlosskeller · Eintritt frei · Studi-Keller unterm Schloss, jeden letzten Samstag im Monat dieselbe Party, seit Jahrzehnten dieselbe Adresse.

SONNTAG, 26. JULI

Besucherlabor „Who is who im Tierreich", Jagdschloss Kranichstein · 14–15.30 Uhr · 9 € pro Person, für Kinder von 6 bis 10 Jahren mit Begleitung, Anmeldung nötig. Wolf oder Hund, Wildkatze oder Fuchs, wer ist eigentlich mit wem verwandt.

Kafka in a suitcase, Sommer-Spezial, Theater Moller Haus · 18 Uhr · 13,30 € (VVK), 14 € Abendkasse · Zu Gast diesmal: der Magier Tim Silas mit Handschatten-Theater.

Wenn ich an diesem Wochenende nur eine Sache machen dürfte: den Nachmittag im Jagdschloss am Freitag. Zwei Stunden genaues Hinschauen, mitten im Wald. Dass mich ausgerechnet das reizt, hat mit dem Schluss dieser Ausgabe zu tun.

SCHON VORMERKEN

Di, 28. Juli: Die Stadtbibliothek öffnet wieder. Der Softwareumstieg, der sie seit dem 20. Juli komplett dichtgemacht hat, ist dann vorbei.

Fr, 31. Juli, und Sa, 1. August: BVM-Sommerfest im Bürgerpark. Mehr dazu unten bei „Aus den Vierteln".

KURZ & KNAPP

Der Parkplatz am Marienplatz ist seit Mitte Juli dicht. Der Pachtvertrag läuft zum 31. Juli aus, die Stadt bereitet die Fläche für ein Bauvorhaben vor. Für welches, sagt sie nicht. Wer dort sonst geparkt hat, muss sich anderswo in der Innenstadt umsehen.

Merck hat sein neues Prüfzentrum eröffnet, am 16. Juli auf dem Werksgelände an der Frankfurter Straße. Rund 25 Millionen Euro Investition, rund 30 Beschäftigte bislang, weitere Stellen sind geplant. Volle Inbetriebnahme erst Anfang 2027.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zieht zurück ins Große Haus Glückert auf der Mathildenhöhe. Nach der Sanierung unterschrieben OB Hanno Benz, Stadtkämmerer André Schellenberg und Akademie-Präsident Ingo Schulze am 17. Juli den Vertrag. Die Akademie, die unter anderem den Georg-Büchner-Preis vergibt, nutzt künftig beide Häuser am Alexandraweg. Mehr zur Mathildenhöhe unten, ganz am Ende dieser Ausgabe.

Die Bäckerei Breithaupt hat ganz aufgehört. Am 26. Juni schloss das Hauptgeschäft in der Bessunger Karlstraße, der letzte Standort. Die Wurzeln des Familienbetriebs reichen bis 1591 zurück, angefangen hat er im Schwarzwald, und er galt als eine der ältesten Bäckereien Deutschlands. Vierhundertfünfunddreißig Jahre, das muss man erstmal jemandem erzählen, der neu hier ist.

Im Luisencenter tut sich was: Der Only Store hat Mitte Juni nach Umbau mit größerem Angebot wiedereröffnet, ein Sandwich-Laden namens „Toast it!" soll demnächst an den Eingang ziehen, die dänische Deko-Kette Søstrene Grene diesen Sommer folgen. Genaue Termine nennt noch niemand.

DER GRUSS

Die Heinerpost grüßt diese Woche die Türklinke von Haus Behrens.

BAUSTELLEN & BAHN

  • HEAG mobilo verlegt gerade mehrere Haltestellen parallel. Die Linie R verliert bis 9. August fünf Haltestellen wegen Bauarbeiten an der Kreuzung Rüdesheimer Straße/B3. Die Haltestelle Landskronstraße wird ersatzweise in die Heidelberger Straße verlegt. Die Linie M1 nach Nieder-Ramstadt fährt bis 26. Juli wegen einer Vollsperrung in der Dornwegshöhstraße anders. Am Flughafen ist die AirLiner-Haltestelle noch bis 31. Juli näher an den Ankunftsbereich gerückt.

  • Der Sommerferien-Fahrplan gilt weiter bis 9. August, mit Ausfällen auf mehreren Linien. Aktuelles auf heagmobilo.de.

AUS DEN VIERTELN: MARTINSVIERTEL

Der Bezirksverein Martinsviertel (BVM), gegründet 1894, muss diesen Sommer improvisieren. Der übliche Bürgerschoppen mit Flohmarkt fällt aus: Ein Hapkido-Sommercamp belegt das angestammte Gelände. Statt aufzugeben, zieht der Verein mit seinem Sommerfest kurzerhand an die BVM-Grillhütte im Bürgerpark um, am gewohnten Termin: Freitag, 31. Juli, und Samstag, 1. August. Freitag ab 16 Uhr Grillspezialitäten und Crêpes, von 19 bis 23 Uhr Beach-Party mit DJ. Samstag Frühschoppen mit Live-Musik von 11 bis 13 Uhr, ab 14 Uhr Hüpfburg und Kinderschminken.

Genau das ist die Sorte Eigensinn, die ein Viertel zusammenhält. Ein Verein, der seit 132 Jahren existiert, lässt sich von einem Kampfsport-Camp nicht den Sommer verderben. Er zieht einfach um.

Im Viertel selbst hat außerdem der „Afiyet Grill" aufgemacht, an der Ecke Heinheimer-/Liebfrauenstraße, vormals „Ipek Döner". Döner, Lahmacun, Pide, ein genaues Eröffnungsdatum ist nicht zu finden, der Laden läuft aber schon.

Dein Viertel tut was und keiner schreibt drüber? Sag Bescheid.

AUS DEM POSTFACH

Ein Leser stutzte bei den Freibad-Zeiten in Nr. 4. Das Mühltalbad in Eberstadt, samstags und sonntags geöffnet? Das wäre ja mal eine Neuigkeit.

Wäre es, stimmt aber leider nicht: Das Bad ist zu, die Grundsanierung läuft seit 2023 und zieht sich. Ich war einer städtischen Mitteilung vom April aufgesessen, die längst überholt war. Geht auf mich. Sobald es einen echten Eröffnungstermin gibt, liest du ihn hier.

ZUM SCHLUSS

Bis zum Besteck

Steh in Gedanken einmal vor dem gedeckten Tisch in Haus Behrens auf der Mathildenhöhe. Rubinrote Trompetenfüße an den Trinkgläsern, das Besteck von einem Mainzer Silberschmied, die Teppiche, die Tapeten, sogar die Inschrift überm Portal, „Steh' fest mein Haus im Weltgebraus". Peter Behrens, der das alles entworfen hat, war damals Maler, kein ausgebildeter Architekt. Sein eigenes Haus hat er 1901 trotzdem komplett selbst gestaltet, von der Fassade bis zum Besteck. Später wurde er als AEG-Gestalter so etwas wie der erste Corporate Designer Deutschlands. Heute, auf den Tag genau, ist es fünf Jahre her, dass die UNESCO die Mathildenhöhe, Großherzog Ernst Ludwigs Künstlerkolonie von 1899, zum Weltkulturerbe erklärt hat.

Ein Techie, kein Kunsttheoretiker, hat mir dafür kürzlich das richtige Wort geliefert. Der KI-Forscher Adam Majmudar schrieb im Februar über etwas, das er „intention density" nennt, Dichte der Absichten. Wie viele eigene, gewollte Entscheidungen in einem Werk stecken, statt dem zu folgen, was Konvention oder eben ein Modell ohnehin getan hätte. Man spüre den Schöpfer durchs Geschaffene, schreibt er. Der Zeichner Hayao Miyazaki hat für „Prinzessin Mononoke" die rund 144.000 Bilder des Films persönlich geprüft und schätzungsweise 80.000 davon eigenhändig nachgebessert. Genau dieselbe Dichte findet sich in Behrens' Haus, nur eben in Rubinrot statt in Tusche.

Ich merke das mittlerweile ständig, in meiner eigenen Arbeit mit KI. Sie schwächelt nicht am Großen, sie schwächelt an den Details, und genau daran erkennt man ihre Werke. Wo niemand die kleinen Entscheidungen getragen hat, sieht man es sofort.

Die Geschichte hat allerdings einen Haken. Der Wiener Architekt Adolf Loos verspottete schon 1900, ein Jahr vor Behrens' Haus, genau diesen Typ Gesamtkunstwerk-Architekt in seiner Satire „Von einem armen reichen Manne". Darin hat ein reicher Mann sich sein ganzes Haus vom Architekten durchgestalten lassen, bis hin zu den Hausschuhen, die zu genau einem Zimmer passen. Als er sie versehentlich im falschen Zimmer trägt, ist der Architekt entsetzt. Die zwei Farbflecken zerreißen ihm die ganze Stimmung des Raums. Am Ende ist der Mann „fertig", „komplett": Nichts darf er mehr verändern, nichts sich wünschen, sein perfektes Haus schließt ihn vom künftigen Leben aus. Die Mathildenhöhe lieferte den Beweis gleich mit, denn Behrens hat sein durchgestaltetes Haus nie bewohnt. Er verkaufte es bald, zog 1903 nach Düsseldorf. Die ganze Ausstellung von 1901, in der die Häuser selbst die Exponate waren, endete mit einem Defizit, mehrere Künstler verließen danach die Kolonie.

Maximale Dichte an Absicht kann ein Werk also auch ersticken, ein volldurchentschiedenes Leben ist keins mehr. Marcel Duchamp hat 1917 ein Urinal bei einer Kunstausstellung eingereicht und es Kunst genannt, im Kern eine einzige Entscheidung. 2004 wählten rund 500 Experten es trotzdem zum einflussreichsten Kunstwerk des zwanzigsten Jahrhunderts. Das widerlegt Miyazakis 80.000 Bilder nicht, es ist nur ein anderer Weg zum selben Punkt. In beiden Fällen hat ein Mensch die Entscheidung getragen, statt sie der Konvention zu überlassen, früher der Werkstatt und dem Genre, heute dem Modell. Behrens' Fehler war also nicht zu viel Absicht, sondern Absicht an der falschen Stelle, denn ein Haus muss dem Leben Raum lassen, ein Werk nicht. Als Wohnung ist das Haus gescheitert, die Entscheidungen darin aber waren getragen. 125 Jahre später steht es auf der Welterbe-Liste, das meiste Durchschnittliche von 1901 ist vergessen.

Wenn du demnächst über die Mathildenhöhe gehst, schau nicht nur auf die goldenen Kuppeln. Schau auf ein Detail, eine Türklinke, ein Ornament, und frag dich, ob da jemand wirklich entschieden hat oder nur getan, was ohnehin zu erwarten war. Das kannst du übrigens überall in der Stadt üben. Nicht am Großen. Am Kleinen.

Das war die Heinerpost Nr. 5.

Noch etwas in eigener Sache: Auf die letzten Ausgaben kamen mehr Antworten als je zuvor. Ein Dankeschön, eine Erinnerung an alte Darmstädter Arbeitsjahre, eine Bäder-Frage (die Antwort steht oben im Postfach). Ich lese jede einzelne Mail und freue mich ehrlich darüber. Nur mit dem Antworten komme ich nicht immer hinterher, bitte verzeih, falls deine noch offen ist.

Tu mir einen Gefallen und leite diese Mail an einen Heiner weiter, der Darmstadt mag wie du. So wächst das hier, ganz ohne Algorithmus, von Nachbar zu Nachbar.

Tipp, Event oder Fehler entdeckt? Antworte einfach auf diese Mail, sie landet direkt bei mir. Manche Fragen beantworte ich hier in der Ausgabe, dich nenne ich dabei höchstens mit Vornamen. Wenn du das nicht möchtest, schreib es einfach dazu.

Bis nächsten Freitag,

Max ⚜️

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