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Aquarell in Lilien-Blau und Amber: das runde Mausoleum von Herff auf dem Alten Friedhof in Darmstadt, mit geschwungenen Außentreppen, Kupferkuppel und alten Bäumen an der Allee.

AUSGABE NR. 14 · FREITAG, 25. SEPTEMBER 2026

Ei gude! ☕

Am Montag holt sich eine Jupitersonde an der Erde Schwung, und die Leute, die sie dabei steuern, sitzen an der Robert-Bosch-Straße. Hinten geht es um einen Turm auf dem Alten Friedhof, der ab 2028 wieder zugänglich sein soll.

Heute drin:

  • Juice: 8.640 Kilometer, achteinhalb Stunden im Schatten

  • Eine Resolution, 4.225 Ganztagsplätze, Ameisen in Eberstadt

  • Fair-Trade-Messe, Begegnungsfest, Jazzpreis, Staatstheater mit offenen Türen

  • Die Lilien in San Antonio

  • Zum Schluss: ein Grabturm, den Darmstadt geerbt hat

▌ DER AUFMACHER

Die Sonde kommt kurz vorbei

Am Montag um 13:45 Uhr fliegt Juice in 8.640 Kilometern Höhe über den Indischen Ozean, so nah an der Erde wie seit zwei Jahren nicht. Juice ist die Jupitersonde der ESA, gestartet im April 2023 in Kourou, unterwegs zu den Eismonden Ganymed, Kallisto und Europa, unter deren Kruste Ozeane vermutet werden. Gesteuert wird sie aus dem Kontrollzentrum ESOC an der Robert-Bosch-Straße, und der Montag ist dort ein Arbeitstag mit Ansage: Die Erde soll die Sonde um etwa 20 Grad umlenken und ihr rund 3,5 Kilometer pro Sekunde Tempo mitgeben, Schwung, den sie sonst aus dem Tank holen müsste.

Vier solcher Schwungholer stehen im Flugplan. Im August 2024 erst am Mond, dann an der Erde, nach Darstellung der ESA eine Premiere. Im August 2025 an der Venus, wo Juice die große Antenne als Sonnenschirm vor sich hielt. Jetzt die Erde, im Januar 2029 noch einmal die Erde. Dann geht es hinaus, Ankunft am Jupiter im Juli 2031, und ab 2034 soll die Sonde Ganymed umkreisen, als erste überhaupt den Mond eines Gasriesen, so der Plan.

Die Navigation läuft seit dem 17. August. Sechs Termine für Kurskorrekturen hatte das Team eingeplant, gebraucht hat es, Stand Montag, einen, vier Wochen vor dem Vorbeiflug, klein und sehr wirksam, sagt Angela Dietz, die den Betrieb der Sonde leitet. Für den Notfall bleibt am Montag um 8 Uhr ein letztes Fenster. Die heikle Zeit kommt vorher: Von Sonntag 21:24 Uhr bis Montag 06:03 Uhr steckt Juice im Erdschatten, ohne Sonnenlicht, achteinhalb Stunden nur mit Batterie, die Instrumente laufen dann nur, wo es sich lohnt.

Dass so etwas schiefgehen kann, weiß das Team seit dem Sommer 2025. Im Juli riss der Kontakt zur Sonde ab, fast 20 Stunden lang, bis ESOC und der Hersteller Airbus sie wieder erreichten. Die Ursache fanden sie danach: ein Softwarefehler, eine interne Uhr springt alle 16 Monate auf null, und genau in dem Moment blieb der Sendeverstärker aus. Der Venus-Vorbeiflug sechs Wochen später lief trotzdem nach Plan.

Das heißt für dich: Von Darmstadt aus ist am Montagmittag nichts zu sehen, die Sonde fliegt über dem Indischen Ozean. Wer sie erwischen will, bräuchte ein Fernglas oder Teleskop und müsste in Australien stehen, dort zieht sie in der halben Stunde davor über den Himmel. Die ESA berichtet auf esa.int.

Eine Resolution gegen Reichsbürger-Ideologie. Für Samstag ist am Karolinenplatz ein bundesweites Treffen der sogenannten Reichsbürger-Szene angekündigt. Acht Fraktionen des Stadtparlaments, von den Grünen über SPD und CDU bis zur FDP, haben dazu am 15. September eine Resolution eingebracht: Sie stellt sich der Ideologie „entschieden entgegen“, bekennt sich zur Meinungs- und Versammlungsfreiheit „auch für Positionen, die wir entschieden ablehnen“ und begrüßt, dass die Behörden einschreiten, wo strafrechtliche Grenzen überschritten werden. Ob und wie das Stadtparlament am 17. September abgestimmt hat, war bis Redaktionsschluss am Donnerstag im Ratsinformationssystem nicht nachzulesen. Am selben Samstag laden Oberbürgermeister Hanno Benz und der Ausländerbeirat zum Internationalen Begegnungsfest auf den Friedensplatz, mehr dazu im Wochenende.

Eine Resolution gegen Reichsbürger-Ideologie. Für Samstag ist am Karolinenplatz ein bundesweites Treffen der sogenannten Reichsbürger-Szene angekündigt. Acht Fraktionen des Stadtparlaments, von den Grünen über SPD und CDU bis zur FDP, haben dazu am 15. September eine Resolution eingebracht: Sie stellt sich der Ideologie „entschieden entgegen“, bekennt sich zur Meinungs- und Versammlungsfreiheit „auch für Positionen, die wir entschieden ablehnen“ und will, dass die Behörden einschreiten, wo Strafrecht verletzt wird. Ob und wie das Stadtparlament am 17. September abgestimmt hat, war bis Redaktionsschluss am Donnerstag im Ratsinformationssystem nicht nachzulesen. Am selben Samstag laden Oberbürgermeister Hanno Benz und der Ausländerbeirat zum Internationalen Begegnungsfest auf den Friedensplatz, mehr dazu im Wochenende.

Beschlüsse, die noch keiner lesen kann. Vergangene Woche stand hier, dass das Stadtparlament am 17. September das letzte Wort hatte: zum neuen Busnetz, zum HeinerLiner, zu den VHS-Gebühren, zur Sicherheit am Herrngarten. Was dabei herauskam, stand bis Redaktionsschluss am Donnerstag im Ratsinformationssystem noch nicht. Die Sitzung trägt dort weiter den Status „eingeladen“, an keinem der 48 Tagesordnungspunkte ist ein Ergebnis hinterlegt. Wir tragen es nach, sobald das Protokoll da ist.

4.225 Ganztagsplätze gibt es in diesem Schuljahr an den 21 Darmstädter Grundschulen, 283 mehr als im Vorjahr, dazu 1.109 Hortplätze, so das Schuldezernat. Im August stand hier, wer den Ausbau bezahlt. Schuldezernent Holger Klötzner: „Gemeinsam werden hier schnell gute Lösungen gefunden, auch wenn es doch mal eng wird.“ Eng wird es laut Mitteilung bei Räumen und Mittagessen, an der Wilhelm-Busch-Schule in Arheilgen stehen inzwischen Mietmodule.

Ameisen, die nach Aceton riechen. Im Humboldtweg in Eberstadt hat das Umweltamt eine Kolonie der Großen Drüsenameise gefunden, einer eingeschleppten Art, deren Superkolonien sich über mehrere Grundstücke ausbreiten und mit ihren Tunneln Wege und Gebäude unterhöhlen können. Öffentliche Flächen behandelt das Umweltamt mit Heißwasser, auf Privatgrund sind die Eigentümer dran. Erkennungszeichen: schwarz glänzend, zwei bis fünf Millimeter, breite Ameisenstraßen, und zerdrückt riechen sie nach Aceton. Verdacht auf öffentlichen Flächen: [email protected].

Zwei Berliner Kissen im Heinrichwingertsweg, zwischen Lossenweg und Kleingartenanlage, werden bis voraussichtlich 2. Oktober eingebaut, mit seitlichen Begrenzungen, damit niemand drumherum fährt. Die Straße ist Tempo-30-Zone und eine beliebte Abkürzung zwischen Klappacher und Nieder-Ramstädter Straße, besonders an Spieltagen im Stadion am Böllenfalltor. Kosten: rund 15.000 Euro.

Haltestelle Wiesenstraße in Weiterstadt-Riedbahn liegt bis 20. November in der Mainzer Straße, gegenüber der Firma Reisser, Fahrtrichtung Darmstadt.

▌ DER GRUSS

Die Heinerpost grüßt diese Woche das Flutlicht am Böllenfalltor.

▌ DAS WOCHENENDE (25.–27. SEPTEMBER)

HEUTE

FairG'nügt, die Fair-Trade-Messe, heute ab 10 Uhr und Samstag 10 bis 17 Uhr, Orangerie, Bessunger Straße 44. Schmuck, Kleidung, Taschen, Wohnaccessoires, alles fair gehandelt, und wer will, kauft schon für Weihnachten.

Was machen die Tiere im Dunkeln? Abendführung im Zoo Vivarium, 20 Uhr, Treffpunkt Haupteingang, normaler Zoo-Eintritt, Anmeldung unter 06151 13-46900.

SAMSTAG

Internationales Begegnungsfest, 12 bis 18 Uhr, Friedensplatz vor dem Landesmuseum, Eröffnung um 14 Uhr durch Oberbürgermeister Benz und den Vorsitzenden des Ausländerbeirats, Ibrahim Akbulut. Motto „Zusammen sind wir DA!“: Migrantische Vereine stellen sich vor, mit Bühne, Ständen, Essen und Spielmobil. Akbulut in der Einladung: „Wir weichen nicht zurück und überlassen Anti-Demokraten keinen Raum in Darmstadt.“

Sport- und Spielfest meets BeActive, 11 bis 17 Uhr, Bürgerpark und Bürgerparkhalle, Eintritt frei, Mitmachangebote der Sportvereine, einige Stationen starten schon um 10 Uhr. Der erste Termin fiel wegen des Wetters aus, jetzt wird nachgeholt.

Hessisches Jazzpodium, 19:30 Uhr, Bessunger Knabenschule, Ludwigshöhstraße 42, 22 Euro, ermäßigt 15. An diesem Abend bekommt der Musikkritiker Wolfgang Sandner den Hessischen Jazzpreis 2026, danach spielen Müller + Mahall und, kurzfristig eingesprungen, ein Trio mit Cello, Tuba und Klavier.

Kunsthalle, drei Eröffnungen auf einmal, 19 Uhr, Steubenplatz 1: „Courant Van Gogh“ von Hilarius Hofstede, „Wir hören etwas und finden es nicht“ von Heide Nord und Anna Vovan, „Zeichnungen und Objekte“ von Wolfgang Klee.

medlz, „Die 90er a cappella“, 20 Uhr, Centralstation. Ab 22:30 Uhr Party, „Mellow Weekend“, House, Hip-Hop und Pop.

„Nachtträume“, Hessisches Staatsballett, 19:30 Uhr, Staatstheater, Großes Haus, 15 bis 70 Euro, Einführung um 19 Uhr im Foyer. Choreografie von Marcos Morau, empfohlen ab 14.

Waldkunstpfad, im Wald zwischen Böllenfalltor und Ludwigshöhe, öffentliche Führung Samstag und Sonntag um 15 Uhr, 8 Euro, ab Infostand hinter dem Parkplatz des Polizeipräsidiums, Klappacher Straße 145. Am Sonntag von 14 bis 18 Uhr digitale Installationen von groupV am Waldkunstdorf. Der Pfad läuft noch bis 4. Oktober.

SONNTAG

Tag der offenen Tür im Staatstheater, ab 11 Uhr, Eintritt frei, Teil der Festwoche.

„Cavalleria rusticana / Pagliacci“, 18 Uhr, Staatstheater, Großes Haus, zwei Kurzopern an einem Abend, 15 bis 85 Euro, Einführung 17:30 Uhr.

▌ LILIEN-WATCH

Die Lilien, Darmstadts Zweitligist, haben vor der Länderspielpause 1:5 in Wolfsburg verloren, zur Halbzeit stand es 1:2. Weil die Länderspielpausen von September und Oktober zusammengelegt sind, ist die Mannschaft ab heute für eine Woche in San Antonio, in Darmstadts Partnerstadt in Texas, und spielt dort am Dienstag ein Freundschaftsspiel gegen den Kooperationspartner San Antonio FC. Am Sonntag folgt Oberbürgermeister Benz mit einer Wirtschaftsdelegation. Karten für die Oktober-Heimspiele gegen Cottbus und Magdeburg gibt es seit Mittwoch im freien Verkauf.

▌ SCHON VORMERKEN

Mo, 28. September, 19:30 Uhr: Meike Winnemuth liest in der Centralstation, „Eine Seite noch“.

Fr, 2. Oktober: Tag der offenen Tür im ESOC, dem Kontrollzentrum aus dem Aufmacher. Platz für 2.000 Besucher, die Karten sind schon weg.

▌ ZUM SCHLUSS · AUF DEM ALTEN FRIEDHOF

Jugend, Reife, Alter

Wer durch das Haupttor am Herdweg kommt, hat ihn gleich links: ein runder Turm, zwei Stockwerke, grauer Muschelkalk und heller Putz, genau dort, wo sich die Alleen des Alten Friedhofs kreuzen. Oben unter dem Dachrand sitzen vier Steinbilder, ein Wappen und drei Gestalten, und in einer davon steht ein Name, der nicht zur Familie gehört. Der Magistrat, die Stadtregierung, hat beschlossen, den Turm zu sanieren, so eine Mitteilung aus dem Rathaus vom 18. September. Bis 2028 soll das dauern, dann wird der Friedhof zweihundert Jahre alt. Danach soll der Turm wieder offen sein.

Der Turm ist ein Familiengrab. Balduin von Herff ließ es 1929 bauen, das Darmstädter Tagblatt schrieb seinen Namen mit dem Zusatz „(Amerika)“. Die Familie war über die Welt verstreut, bis nach San Antonio, und die Gruft sollte einundvierzig Plätze haben. Der Bauherr wünschte sich die Umrisse des Theoderich-Grabmals in Ravenna, also die Form, in der sich ein König bestatten ließ. Fünf Monate hat der Bau gedauert. Das Tagblatt lobte das Material, es gebe dem Bau „einen starken und beruhigenden Eindruck“, und die Fugen, in denen die Blöcke wie Schwalbenschwänze ineinandergreifen. So baut man, wenn man vorhat zu bleiben.

Zwei Männer machten daraus ein Bauwerk. Der Architekt hieß Nicolas van Taack-Trakranen, war einunddreißig und bald Professor in Karlsruhe. Die Steinbilder machte ein Bildhauer, der in Paris lebte: Johannes Ilmari Auerbach, dreißig Jahre alt, einer der ersten Schüler am Weimarer Bauhaus. Danach ein paar Jahre im Jagdschloss Kranichstein im Darmstädter Norden, dann Paris, wo er als Maurer arbeitete, weil seine Kunst kein Geld brachte. Er meißelte drei Lebensalter in den Muschelkalk, die Jugend nach Süden, das Alter nach Norden, dazwischen die Reife. In die Reife schrieb er seinen Namen: „Ilmari Paris 1929“.

Vier Jahre später hatte der Architekt seine Professur verloren. „33 wurde ich von der NS Regierung entlassen“, steht in einem Brief von ihm. Auerbach saß da schon in Haft. Ende 1932 war er aus Frankreich nach Hamburg gekommen und hatte sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen. Im April 1933 wurde er verhaftet. Im Juli folterte man ihn, ein Jahr darauf kam er ins Lager Fuhlsbüttel. Seine Kisten mit Arbeiten aus Paris gingen verloren. Fast alles, was er als Bildhauer gemacht hatte, ist aus diesen Jahren nur noch auf Fotos erhalten. Zu dem Wenigen, das blieb, gehören vier Reliefs an einem Grab in Darmstadt.

Die Familie blieb länger als der Bildhauer, aber nicht für immer. Rund um den Turm liegen weitere Gräber der Familie, darunter das des Architekten und seiner Frau, die selbst eine von Herff war, schreibt die TU-Bauforschung. Irgendwann verlängerten die Nachkommen das Nutzungsrecht nicht mehr, ein Grab gibt es hier nur auf Zeit, und der Turm fiel „mit allen Rechten und Pflichten“ an die Stadt. Seit 2023 gehört er ihr. Im selben Jahr beschädigte ein Sturm das Kupferdach schwer. Das Dach ist seit 2025 neu, der Putz darunter ist es nicht.

Man darf fragen, warum aus dem Haushalt ein Grab bezahlt wird, das die eigene Familie hat auslaufen lassen. Die Mitteilung aus dem Rathaus antwortet ehrlich. Man hat nicht gewählt, man hat geerbt. Das Denkmal kam mit dem Eigentum. Was es kostet, steht da nicht, nur dass das Rathaus Drittmittel sucht. Als besonders wertvoll nennt die Mitteilung die Reliefs, „von besonderer kunsthistorischer Bedeutung“, Arbeiten eines Mannes, dem sonst fast nichts geblieben ist.

Mit diesem Ort bekommen wir alle irgendwann zu tun, früher oder später.

Auerbach starb in Oxford, mit fünfzig. Die Jugend hat er gemeißelt, die Reife hat er signiert. Das Alter steht auf der Nordseite und schaut auf die Bäume.

Quellen: Pressemitteilungen der Wissenschaftsstadt Darmstadt (18.09.2026, 01.04.2025) · Darmstädter Tagblatt, 5. Oktober 1929, zitiert im Denkmalarchiv der Stadt · Otto Fiederling, „Deutsche Kunst und Dekoration“, Mai 1930 · TU Darmstadt, Fachgebiet Digitale Bauforschung · zu Johannes Ilmari Auerbach: Wikipedia, gestützt auf Heuer/Kind, „Eine Autobiographie in Briefen“ (1989).

Das war die Heinerpost Nr. 14.

Bis nächsten Freitag,

Max ⚜️

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