

Bild nach Georgenhausen, CC BY-SA 4.0
AUSGABE NR. 18 · FREITAG, 23. OKTOBER 2026
Ei gude! ☕
Am Sonntag gibt es eine Stunde geschenkt. Vorne geht es um ein Bauwerk, über das seit 2023 keine Autos mehr fahren, aber weiter die Straßenbahn, und um die Frage, wie lange noch. Ganz hinten wird improvisiert, vor ausverkauftem Saal.
Heute drin:
Ein Neubau über den Gleisen, genehmigt und trotzdem nicht ausschreibbar
Über 1.000 Angebote für Ferienwohnungen und zwei Monate ohne Satzung
75 Atome Seaborgium an der GSI, drei davon an Kohlenmonoxid gebunden
Die Moosbergstraße ab dem 29. Oktober bis voraussichtlich Ende März dicht, wegen eines Kanals von 1901 und der Linie 3
Büchner-Preis für Christine Wunnicke, Heiner Wiesn, Orgel und Licht in Eberstadt, und St. Pauli heute Abend am Böllenfalltor
Zum Schluss: ein Winterabend in einem Opernhaus, 1975, ein Pianist, der absagen will, und eine junge Veranstalterin, die auf ihn einredet
▌ DER AUFMACHER
Die Rheinstraßenbrücke
Rund 250 Straßenbahnen am Tag rollen über die Rheinstraßenbrücke, schreibt die hessenschau. Unten liegen die Gleise von Frankfurt nach Heidelberg, die Main-Neckar-Bahn. Die Brücke ist über 110 Jahre alt und marode. Ende 2027 sollte sie weg, und Darmstadt hatte so geplant, dass die Strecke unten möglichst kurz gesperrt wird. Die erste Planung sah Pfeiler bei den Gleisen vor und brauchte 245 Sperrtage, die neue kommt dort ohne Pfeiler aus und braucht 56. Die Sperrzeiten für den Neubau steckten in einem größeren Plan. Bahn und Bund wollen ganze Strecken am Stück sanieren, die Main-Neckar-Bahn war für 2030 vorgesehen.
Davon steht gerade nichts mehr fest. Die Bahn hat eingeräumt, dass sie die Oberleitungsarbeiten, ohne die der Abriss nicht geht, bis Ende 2027 nicht schafft. So weit der Abriss. Der Rest hängt an Berlin. Bahn und Bund haben ihren Sanierungsplan umgebaut. Die Main-Neckar-Bahn rutscht von 2030 auf irgendwann nach 2031, und das Zeitfenster für die neue Brücke ist damit weg.
Dabei hat Darmstadt die Genehmigungen beisammen. Nur ausschreiben kann das Rathaus nicht, weil es den Baufirmen nicht sagen kann, wann es losgeht. „Wir planen weiter, aber wir können nicht bauen, wenn niemand weiß, wann", sagt Mobilitätsdezernent Paul Georg Wandrey, in der Stadtregierung für Verkehr zuständig.
Die Brücke wartet derweil nicht. Am 12. Oktober schrieb die hessenschau: „Straßenbahnen dürfen nur noch bis Ende 2027 über die Rheinstraßenbrücke fahren." Das klingt endgültig. Am 14. Oktober nannte das Rathaus den Abriss zu diesem Termin „gefährdet", und ob die Brücke danach „theoretisch weiter genutzt werden könnte, lässt sich derzeit kaum belastbar abschätzen". Zwischen den beiden Sätzen liegen zwei Tage. Zusammen heißt das, die Brücke steht Ende 2027 womöglich noch. Wann die 56 Sperrtage kommen, können nur Bund und Bahn sagen.
→ Das heißt für dich: Die Straßenbahn Richtung Griesheim fährt vorerst weiter über die Brücke, ob sie das nach Ende 2027 noch darf, ist offen. Alles zum Projekt steht auf darmstadt.de unter „Neubau der Rheinstraßenbrücke".
▌ KURZ & KNAPP
Zwei Monate ohne Ferienwohnungssatzung, und über 1.000 Angebote in der Stadt. Länger als fünf Jahre darf so eine Satzung, eine Art Gesetz der Stadt, nach hessischem Recht nicht laufen, deshalb trat Darmstadts Satzung gegen ungenehmigte Ferienwohnungen am 30. September außer Kraft. Gelten soll die neue laut Pressemitteilung vom 28. September ab 1. Dezember. Was in den zwei Monaten dazwischen gilt, sagt weder die Pressemitteilung noch die Magistratsvorlage, der Entwurf der Stadtregierung zur neuen Satzung. Die Vorlage zählt aktuell über 1.000 Angebote für Ferienwohnungen in der Stadt.
Die Christoph-Graupner-Schule ist für 140 Kinder ausgelegt und hat über 200. In Nr. 15 hatte ich die Pressestelle gefragt, was hinter den 140 Plätzen im Schulplan-Entwurf steckt. Die Kinder an der Förderschule hätten sehr verschiedene Bedürfnisse, eine zu große Schule könne ihnen nicht mehr gerecht werden. Trotzdem sind es über 200, weil Kinder zugezogen oder von anderen Schulen gewechselt sind. Mitgezählt sind auch die Kinder der Station Bärenstark, einer Einrichtung für Kinderintensivpflege. Diese Kinder werden nur in Ausnahmefällen in der Schule unterrichtet. Mehr Platz bekommt die Schule im MobiSkul-Gebäude nebenan.
An der GSI ist zum ersten Mal gemessen worden, wie fest ein superschweres Element chemisch bindet. So beschreibt es das Darmstädter Forschungszentrum. Es geht um Seaborgium, Element 106, gebunden an Kohlenmonoxid. Bei den leichteren Verwandten aus derselben Spalte des Periodensystems, Chrom, Molybdän, Wolfram, wird die Bindung immer stärker, beim Seaborgium wieder schwächer. Insgesamt registrierte das Team 75 Seaborgium-Atome, drei davon im gesuchten Molekül.
▌ DER GRUSS
Die Heinerpost grüßt diese Woche die Laubbläser des Grünflächenamts.
▌ BAUSTELLEN & BAHN
Bessungen, Moosbergstraße: Ab Donnerstag, 29. Oktober, bis voraussichtlich Ende März 2027 ist die Moosbergstraße zwischen Kiesbergstraße und Ludwigshöhstraße voll gesperrt, die Kreuzung mit der Kiesbergstraße eingeschlossen, für Autos und für Räder. Parken geht dort nicht, Ersatzparkplätze gibt es keine, die Gehwege bleiben offen. Unten wird auf rund 80 Metern ein Abwasserkanal von 1901 erneuert, oben wird aus Pflaster Asphalt. Der neue Belag hat mit der Linie 3 zu tun. Bei der Großbaustelle IGEL3, der Grunderneuerung entlang der Straßenbahnlinie, sollen die Ersatzbusse, die statt der Bahn fahren, zeitweise durch die Moosbergstraße. Deshalb Asphalt, denn der trägt mehr und ist leiser. Mehr unter igel3-darmstadt.de.
▌ DAS WOCHENENDE (23.–25. OKTOBER)
Mein Tipp: Am Samstag verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung im Staatstheater den Georg-Büchner-Preis an Christine Wunnicke. Wer dabei sein will, zahlt 6 Euro.
HEUTE
Büchner-Preis-Lesung, 20 Uhr, Orangerie, Bessunger Straße 44, Eintritt frei. Wunnicke selbst kann an diesem Abend laut Akademie nicht kommen, fünf Akademie-Mitglieder lesen ihre Texte.
Iiro Rantala „Trinity", 20 Uhr, Einlass 19 Uhr, Centralstation, Im Carree, ab 32 Euro. Trio mit Kaisa Mäensivu und Morten Lund, Jazzstandards, Saal bestuhlt.
FREITAG UND SAMSTAG
Heiner Wiesn, jeweils 17 bis 23 Uhr, Festzelt auf dem Messplatz, Tickets als Pakete über die Veranstalterseite.
SAMSTAG
Versteigerung des Fundbüros, ab 11 Uhr Fundsachen, gegen 12 Uhr mehr als 40 Fahrräder, darunter mehrere E-Bikes, Hof Frankfurter Straße 73, Zugang über die Alsfelder Straße. Die Räder kannst du am Samstag vor Beginn anschauen, die Liste steht im Digitalen Rathaus. Den Hammer führt Stadtkämmerer André Schellenberg.
Verleihung der Akademiepreise, 16 Uhr, Staatstheater, Großes Haus, Georg-Büchner-Platz 1, 6 Euro, rund drei Stunden. Die Akademie vergibt den Büchner-Preis an Wunnicke, Laudatio Judith Schalansky, dazu zwei weitere Akademiepreise, den Merck- und den Freud-Preis. Wunnickes Roman „Wachs" hat in diesem Jahr schon den Literaturpreis der Darmstädter Jury „Buch des Monats" bekommen.
SONNTAG
In der Nacht auf Sonntag werden die Uhren von 3 auf 2 Uhr zurückgestellt. Eine Stunde mehr, zum Beispiel für den Frühschoppen.
Frühschoppen mit The Cowbell Footmachine, 11 bis 13 Uhr, Foyer im Großen Haus des Staatstheaters, Blues und Rock. Benannt hat sich die Band nach dem Instrument, das auf der Bühne den zentralen Platz hat und am seltensten gespielt wird.
„Kekse & Kakao: Kinderzimmer-Indie", 15 Uhr, Einlass 14 Uhr, Centralstation, Im Carree, ab 9,90 Euro, Indie-Pop aus Köln für Kinder ab 4.
„Orgel und Licht", 17 Uhr, Kirche St. Josef in Eberstadt, Eingang Gabelsbergerstraße 13, Eintritt frei, Spenden erbeten. Kantor Stefan Mann spielt an der Bosch-Orgel Werke von Vivaldi, Bach, Widor und anderen über das Licht, gehört und gesehen vom Chorraum aus.
▌ LILIEN-WATCH
In Karlsruhe ging am Sonntag nichts. 0:4 (0:2) beim KSC. Fukuda (6.) und Wanitzek (13.) trafen früh, Kobald (50.) und Wiethaup (65., über den Innenpfosten) legten nach. Damit warten die Lilien vom SV 98 laut Spielbericht auf sv98.de weiter auf den ersten Auswärtspunkt der Saison. Am Böllenfalltor, ihrem Stadion, gab es dagegen zuletzt zwei Siege in Folge, und heute Abend um 18:30 Uhr kommt der FC St. Pauli. Karten gab es nur mit eigenem Zugang im Ticketshop, Neukunden können für dieses Spiel keine kaufen. Am Dienstag, 27. Oktober, 20:45 Uhr, geht es in der zweiten Pokalrunde zur SV Elversberg, am Samstag, 31. Oktober, 13 Uhr, kommt der 1. FC Magdeburg ans Böllenfalltor.
▌ SCHON VORMERKEN
Mi, 28. Oktober, 18:30 Uhr: Abendführung mit Büffet durch „Courant Van Gogh" in der Kunsthalle, Steubenplatz 1, 39 Euro, für Mitglieder des Kunstvereins 35, bar an der Kasse, Anmeldung per Mail an [email protected]. Zu sehen ist laut Kunsthalle auch ein Exemplar von van Goghs einziger Radierung, einem Porträt seines Arztes Dr. Gachet.
Do, 29. Oktober: Das Standesamt ist wegen interner Schulungen geschlossen.
Do, 29. Oktober, 19:30 Uhr: „State of the Soul II", Vortrag der Kunsttherapeutin Prof. Doris Titze in der Kunsthalle, auch live auf YouTube.
29. Oktober bis 3. November: Oarhelljer Kerb im und um den „Goldnen Löwen", Frankfurter Landstraße 153, in diesem Jahr unter dem Motto „Muckerween". Am Freitag um 18 Uhr Kerbgottesdienst in der Auferstehungskirche, danach Umzug zum Löwenplatz und um 19:30 Uhr Bieranstich. Am Samstag um 14 Uhr Seniorenkerb und um 20 Uhr das Showprogramm der Kerbmannschaft, am Dienstag um 18 Uhr die Kerbbeerdigung auf dem Löwenplatz.
Sa, 31. Oktober, 19:30 Uhr: Premiere „A Chorus Line", Staatstheater, Großes Haus, 15 bis 110 Euro, Einführung 19 Uhr, Resttickets.
▌ ZUM SCHLUSS · DAS FALSCHE KLAVIER
The Köln Concert
Köln, 24. Januar 1975, ein Freitag. Die Oper hat gespielt, und erst danach, spät am Abend, bekommt der Jazz den Saal. Mehr gab das Haus ihm nicht. Organisiert hat das Konzert Vera Brandes, noch keine zwanzig. Es ist ausverkauft.
Der Jazzpianist Keith Jarrett kommt am späten Nachmittag aus der Schweiz an, im alten Renault 4 seines Produzenten, mit Rückenschmerzen und einer Stützbandage, seit Nächten kaum geschlafen. Auf der Bühne steht ein Bösendorfer, aber nicht der Imperial, den er verlangt hat, sondern ein kleinerer, hinter der Bühne gefunden. Oben klinge er dünn, unten schwach, so erzählt man es seither. Jarrett probiert ihn und will gehen.
Brandes redet auf ihn ein. Die Aufnahmetechnik steht ohnehin, vor allem deshalb bleibt Jarrett.
Dann spielt er um das Klavier herum. Er bleibt in der Mitte der Tastatur, und die linke Hand stützt den Bass mit rollenden Figuren, immer wieder dieselben. Mehr als eine Stunde lang.
Noch im selben Jahr kam die Aufnahme heraus. Bis heute gilt sie als meistverkaufte Solo-Platte des Jazz. Produzent Manfred Eicher sagte später, Jarrett habe wohl so gespielt, weil es kein gutes Klavier war. Weil er sich in den Klang nicht verlieben konnte, habe er einen anderen Weg gefunden.
Pianisten baten ihn, die Musik aufzuschreiben. Jahrelang wehrte er ab. Sie sei an einem bestimmten Abend improvisiert worden und solle so schnell gehen, wie sie gekommen sei. Am Ende gab er die Noten doch frei, mit einem Rat an jeden, der das Stück spielen will: Das letzte Wort habe die Aufnahme. Jener Abend also, mit dem falschen Klavier.
Ich höre viel Jazz, vor allem Jarrett. Eines meiner Lieblingsalben: „The Melody at Night, with You", er allein am Klavier, diesmal Lieder, etwa von Gershwin, Ellington und Kern. Lieber live? Heute Abend spielt der Pianist Iiro Rantala mit seinem Trio in der Centralstation bekannte Melodien. Mehr oben im Wochenende.
Das war die Heinerpost Nr. 18.
Danke. Licht und Frieden uns allen.
Max ⚜️
Tipp, Event oder Fehler entdeckt? Antworte einfach auf diese Mail, sie landet direkt bei mir. Manche Fragen beantworte ich hier in der Ausgabe, dich nenne ich dabei höchstens mit Vornamen. Wenn du das nicht möchtest, schreib es einfach dazu.
Die Zahlen zum Köln Concert: Beginn 23 Uhr oder halb zwölf, je nach Quelle; rund 1.400 Zuhörer; 67 Minuten Musik; rund vier Millionen verkaufte Exemplare; 2025 in das National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen. Die autorisierte Notenausgabe erschien beim Musikverlag Schott in Mainz: Zustimmung 1990, Copyright 1991. Wie schlecht der Flügel wirklich war, ist umstritten: Bösendorfer hält ihn laut der deutschen Wikipedia für ein ordentliches Instrument, nur kleiner als bestellt. Quellen: Wikipedia „The Köln Concert" (englische und deutsche Fassung, abgerufen 20.10.2026); uDiscover Music über das Köln Concert; Katalog der Bücherhallen Hamburg zur Schott-Ausgabe (ED 7700); ECM Records und Wikipedia (englisch) zu „The Melody at Night, with You"; ACT Music und Centralstation zu Iiro Rantalas Programm „Trinity".