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Aquarell der Traisaer Schule in Mühltal aus schräger Untersicht: Putzfassade mit Fensterreihen und Jalousien, Zwerchgiebel, Fallrohr, rechts ein Baum im Herbstlaub.

Titelbild nach einem Foto von Cttech01 (Wikimedia Commons), CC BY-SA 3.0

AUSGABE NR. 15 · FREITAG, 2. OKTOBER 2026

Ei gude! ☕

Am Samstag ist Feiertag, und dieser Brief ist einer für Eltern, vorne jedenfalls. Dort geht es um einen Entwurf aus dem Rathaus, und der hat mit zwei Nachbargemeinden zu tun.

Heute drin:

  • Ein Anspruch für Viertklässler, und bei welchem Jahrgang er aufhört

  • Ersatzbusse in den Herbstferien, eine Linie mehr nach Weiterstadt, 50 Cent mehr an der VHS

  • Was aus 161 Ferienwohnungen wurde und was Juice im Vorbeiflug fotografiert hat

  • Drachen im Landesmuseum, Stimmen in der Centralstation, eine Opernpremiere, der Waldkunstpfad ein letztes Mal

  • Sieben Tore in Texas, neue Regeln am Böllenfalltor

  • Zum Schluss: Schlechteste PISA-Werte, gute Lehrer, und was 1951 in Tübingen stand

▌ DER AUFMACHER

Für Darmstadts Schulen sind Mühltal und Messel noch Stadt. Bis 2030.

Ein Kind, das in Mühltal oder Messel in die vierte Klasse geht, hat etwas, das Kinder im übrigen Landkreis nicht haben. Nach der Grundschule darf es „ohne Beschränkungen" jede öffentliche Schule in Darmstadt anwählen, so steht es in der Schulvereinbarung mit dem Landkreis Darmstadt-Dieburg. Für andere Gemeinden gilt eine Obergrenze, für diese beiden nicht.

Der Entwurf des Schulentwicklungsplans, den der Magistrat, die Stadtregierung, im August vorgelegt hat, sieht vor, die Vereinbarung zum 1. August 2030 zu kündigen, und der Landkreis ist einverstanden. Schüler aus Mühltal und Messel sollen dann „nicht mehr wie städtische Kinder behandelt werden". Eine neue Vereinbarung ist geplant, und die Idee, Kinder wechselseitig aufzunehmen, „soll weiterhin Bestand haben". In einer Landkreis-Mitteilung von vergangener Woche sagt Darmstadts Schuldezernent Holger Klötzner: „Jedes Kind, das in Darmstadt eingeschult wird, kann auch nach 2030 dort auf der Schule bleiben." Die Beruhigung hat eine Grenze, und die verläuft zwischen der ersten und der zweiten Klasse. Wer in Mühltal oder Messel in diesem Sommer eingeschult wurde, kommt im Sommer 2030 in die fünfte, und da gilt die Vereinbarung nicht mehr. Wer jetzt in der zweiten Klasse sitzt, ist ein Jahr früher dran und fällt noch unter die Vereinbarung.

Um wie viele Kinder es geht, schätzt der Schulplan-Entwurf mit einer Prognose des Landkreises für drei Grundschulen, die dort „Zuliefer-Grundschulen" heißen: die Ludwig-Glock-Schule in Messel, die Schule am Pfaffenberg und die Traisaer Schule. Bis zum Ende der Vereinbarung sitzen dort jährlich rund 150 Kinder in der vierten Klasse. Im ersten Schuljahr ohne die Vereinbarung sind es 200, rechnerisch die Kinder, die nächsten Sommer eingeschult werden. Für das Jahr darauf, wenn sie an die weiterführenden Schulen wechseln, schreibt der Entwurf: „Es könnten sich 2 Züge zusätzlich anmelden." Zwei Züge wären zwei fünfte Klassen mehr. Die Vereinbarung endet also ein Jahr, bevor der größere Jahrgang kommt. Das sind Prognosen für Viertklässler, keine Anmeldungen.

Der Landkreis will ein eigenes Gymnasium bauen. Wo es hinkommt, steht noch nicht fest. Man prüfe „derzeit mehrere Grundstücksoptionen", sagt Lutz Köhler, der Schuldezernent des Landkreises. Erst muss der Bau im Wirtschaftsplan 2027 beschlossen werden, und das Kultusministerium muss die Gründung genehmigen. Für Darmstadts Gymnasien sieht der Entwurf daneben ein Rotationsmodell vor. Alle nehmen teil, eines bildet in einem Schuljahr eine Klasse mehr, und welches wann, hängt von Anmeldungen und freien Räumen ab. Mehr als jedes zweite Darmstädter Kind wechselt in diesem Schuljahr nach der öffentlichen Grundschule aufs Gymnasium, rechnet der Entwurf. Ich habe die Pressestelle der Stadt gefragt, wie die Jahrgänge aus Mühltal und Messel nach dem Ende der Vereinbarung versorgt werden, falls das Gymnasium des Landkreises dann noch nicht steht. Sie hat bis Redaktionsschluss nicht geantwortet.

Entschieden ist noch nichts. Die Kündigung stehe „ausdrücklich unter dem Vorbehalt der finalen Abstimmung in der Stadtverordnetenversammlung", sagt Klötzner. Am Mittwoch hatte der Schulausschuss den Entwurf auf der Tagesordnung, mit Anhörung von Sachverständigen und Aussprache. Was dort gesagt wurde, war bis Mittwochabend nicht veröffentlicht. Das letzte Wort hat das Stadtparlament, laut Mitteilung voraussichtlich noch in diesem Jahr.

→ Das heißt für dich: Wohnst du in Darmstadt und wird das Rotationsmodell beschlossen, kann dein Kind in eine Zusatzklasse kommen. Solche Klassen würden je nach Schülerzahl später teils wieder zusammengelegt. Welches Gymnasium eine Zusatzklasse bildet, entscheidet sich Jahr für Jahr. Wohnst du in Mühltal oder Messel und ist dein Kind in der zweiten, dritten oder vierten Klasse, fällt es noch unter die Vereinbarung. Geht es in die erste Klasse oder ist es jünger, wechselt es erst nach dem Ende der Vereinbarung in die fünfte, wenn die Kündigung so kommt. Bewerben kann es sich weiter in Darmstadt, sagt der Landkreis. Einen Anspruch hat es dann nicht mehr. Bekommt es dort keinen Platz, will der Landkreis „eine möglichst wohnortnahe Schule finden", sagt Köhler. „Für Messel könnte das zum Beispiel die Goetheschule in Dieburg sein."

Fünf Jahre saniert, beim Einzug schon voll. Die Christoph-Graupner-Schule in der Vogelsbergstraße, Darmstadts Förderschule für geistige und körperlich-motorische Entwicklung, ist in den Sommerferien zurückgekehrt, nach Sanierung und Erweiterung von 2021 bis 2026. Im Schulplan-Entwurf von oben steht dazu: „Zu prüfen ist, wie sich die Bedarfe in den kommenden Jahren entwickeln werden, da auch aktuell die Schülerzahlen höher sind als die Kapazität der neuen Schule." Er rechnet mit 140 Plätzen. Ob das die Kapazität nach der Erweiterung ist und wie die Schule den fehlenden Platz gerade ausgleicht, habe ich die Pressestelle der Stadt gefragt. Auch dazu lag keine Antwort vor. Mehr Plätze lassen sich dort laut Entwurf nicht schaffen. Seine Modellrechnung reicht bis zum Schuljahr 2030/31. Bis dahin fehlen ihr zufolge bis zu 72 Plätze. Deshalb soll im Darmstädter Süden eine weitere Förderschule mit diesem Schwerpunkt entstehen, Standort, Jahr und Geld stehen im Entwurf nicht. Kinder aus dem Landkreis, die nach einer gesonderten Vereinbarung dort Platz hätten, nimmt die Schule seit fünf Jahren nicht mehr auf, „aufgrund der Überschreitung der Kapazitäten", so der Entwurf. Auch das lag am Mittwoch dem Schulausschuss vor.

▌ KURZ & KNAPP

In den Herbstferien fahren die Linien 4, 5 und 7 nicht. Wegen Bauarbeiten entfallen sie von Montag, 5., bis Sonntag, 18. Oktober, meldet die HEAG mobilo, Darmstadts Verkehrsbetrieb. Ersatzbusse fahren als 4E von Kranichstein Bahnhof über Heinheimer Straße und Alexanderstraße/TU zum Luisenplatz und als 8E vom Arheilger Dreieichweg zum Luisenplatz. Die 6 und 8 kommen aus Alsbach nur bis zum Hauptbahnhof, die 1 fährt nur zwischen Eberstadt Frankenstein und Hauptbahnhof, die 2 und 9 nehmen den Umweg über die Bismarckstraße. Der Flughafenbus AirLiner hält statt am Luisenplatz am Mathildenplatz, Steig 17. Einige Ersatzhaltestellen liegen ein Stück weg, die Laufwege stehen auf heagmobilo.de/herbstferien. Auch der Bücherbus der Stadtbibliothek macht Pause, vom 5. bis 16. Oktober, ab 20. Oktober hält er wieder wie gewohnt.

Ab 13. Dezember fährt die neue WE3 bis Weiterstadt. Das Stadtparlament hat am 17. September ohne Gegenstimme beschlossen, was hier im September angekündigt war. Die WE3 fährt dann stündlich vom Arheilger Dreieichweg über die Wixhäuser Aumühle und den Bahnhof Wixhausen nach Gräfenhausen, Schneppenhausen und Weiterstadt. Die Linie L fährt nur noch zwischen Schloss und Pankratiusstraße, dafür den ganzen Tag alle 15 Minuten, zu Stoßzeiten in Schul- und Semesterzeiten weiter bis zum Botanischen Garten. Die F/FM wird verlängert und fährt halbstündlich über den Weiterstädter Stadtteil Riedbahn bis zur Sudetenstraße, und die WE1, WE2 und WE3 fahren künftig vom Schloss bis zur TU-Lichtwiese. Die zusätzlichen WE3-Fahrten kosten die Stadt rund 5.000 Euro im Jahr, den Rest rechnet die Vorlage kostenneutral.

Was das Stadtparlament sonst beschlossen hat. Vergangene Woche war es noch nicht nachzulesen, inzwischen stehen die Beschlüsse vom 17. September im Ratsinformationssystem. Die Resolution gegen Reichsbürger-Ideologie wurde einstimmig angenommen. VHS-Kurse werden ab dem Frühjahrssemester, das am 23. Februar beginnt, in der Regel um 50 Cent je 45 Minuten Unterricht teurer, dagegen stimmte die Fraktion Die Linke & Tierschutzpartei. Am Herrngarten, neben der Drogenhilfe Scentral, entsteht eine abgegrenzte und betreute Fläche für die offene Drogenszene, rückbaubar, rund 0,3 Prozent der Parkfläche, veranschlagt mit 150.000 Euro. Dagegen war die AfD, ebenso wie gegen die Ankündigung, den Rufbus HeinerLiner ab 2028 ohne Ausschreibung an die HEAG mobilo zu vergeben. Einstimmig kam der Baubeschluss für die Grundschule im Ludwigshöhviertel durch, dreizügig, mit Mensa, für 300 Kinder. Die nächste Sitzung ist am 5. November.

86 Wohnungen sind keine Ferienwohnungen mehr. Im Oktober 2021 trat in Darmstadt eine Satzung gegen Ferienwohnungen ohne Genehmigung in Kraft, befristet auf fünf Jahre. Bis zum 1. August hat das Bauaufsichtsamt 161 Wohneinheiten gefunden, die ohne Genehmigung als Ferienwohnung liefen. 86 davon, zusammen rund 6.179 Quadratmeter, sind wieder dauerhaft Wohnraum, 75 Fälle sind noch in Bearbeitung. Der Magistrat hat beschlossen, die Satzung unverändert fortzuführen. Stimmt das Stadtparlament zu, soll die neue, inhaltlich gleiche Satzung am 1. Dezember in Kraft treten. Stadtrat Paul Georg Wandrey, zuständig für die Bauaufsicht, bleibt vorsichtig: Den angespannten Wohnungsmarkt entlaste die Satzung nicht grundlegend, bei der Knappheit zähle aber jede Wohnung, die dauerhaft zum Wohnen erhalten bleibt.

Juice ist an der Erde vorbeigeflogen, wie geplant. Am Montag, 28. September, um 13:45 Uhr flog die Jupitersonde über den Indischen Ozean, und die Erde hat sie um 20 Grad umgelenkt und um 3,5 Kilometer pro Sekunde schneller gemacht, meldet die ESA. Angela Dietz, die im Darmstädter Kontrollzentrum ESOC den Betrieb der Sonde leitet, sagt, das Team habe nur wenig von dem Treibstoff gebraucht, der für den Vorbeiflug reserviert war, so bleibe mehr für die Eismonde am Jupiter. Unterwegs hat Juice mit ihren Kameras die Erde, den Mond und Madagaskar fotografiert. Genau im Blick behält das Team die Sonde noch bis zum 10. Oktober.

▌ DER GRUSS

Die Heinerpost grüßt diese Woche die Ersatzhaltestelle im Glockengartenweg.

▌ DAS WOCHENENDE (2.–4. OKTOBER)

HEUTE

Drachen, neue Sonderausstellung im Landesmuseum, ab heute bis 17. Januar, Friedensplatz 1. Kunstwerke aus Europa und Ostasien von der Antike bis heute, dazu Fossilien und Tierpräparate, ein eigener Erzählstrang für Kinder, eine Leseecke und eine Zeichenwand. Am Wochenende und am Feiertag 11 bis 18 Uhr.

First Friday, Kunsthalle, Steubenplatz 1, Einlass 19 Uhr, Konzert 19:30 Uhr, Eintritt frei. Mit der Akademie für Tonkunst spielt das Gitarrenduo Aleksa Sarcevic und Danijel Dondjivic. Während des Konzerts sind die Ausstellungen nur eingeschränkt zu sehen, und am Samstag bleibt die Kunsthalle zu.

24. Darmstädter Nacht der Stimmen, 20 Uhr, Centralstation, Im Carree. A cappella von Klassik bis Pop mit NOICE, Lylac, YeoMen und Pitch Pipe Project.

SAMSTAG, TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT

Waldkunstpfad, Kunst im Wald, letztes Wochenende, 14 Uhr Gespräch mit den Künstlerinnen und Künstlern zum Motto „Demokratischer Wald", 15 Uhr Führung für 8 Euro, beides ab dem Infostand hinter dem Parkplatz des Polizeipräsidiums, Klappacher Straße 145. Die Führung gibt es am Sonntag um 15 Uhr noch ein letztes Mal, dann endet der Pfad.

„Andrea Chénier", Premiere, 19:30 Uhr, Staatstheater, Großes Haus, Georg-Büchner-Platz 1, 15 bis 85 Euro, Einführung 19 Uhr im Foyer. Die Oper von Umberto Giordano ist eine Produktion der Deutschen Oper Berlin, empfohlen ab 14.

SONNTAG

Kinderflohmarkt, 10 bis 14 Uhr, Friedensplatz. Kinder von 6 bis 14 verkaufen selbst, auf Decke oder Isomatte, so viel sie tragen können. Anmeldung vor Ort am Stand des Familienzentrums, keine Standgebühr. Bei schlechtem Wetter fällt er aus, aktuell steht es auf familienbildung-darmstadt.de.

50 Jahre Galerie Netuschil, Galerie-Fest ab 11 Uhr, Schleiermacherstraße 8. Zum Jubiläum neue Ölbilder und Aquarelle von Christopher Lehmpfuhl und ein Überblick über die Darmstädter Bildhauerei der letzten 50 Jahre, mit 18 Bildhauerinnen und Bildhauern. Unter anderen spricht Oberbürgermeister Hanno Benz.

▌ LILIEN-WATCH

In San Antonio, Darmstadts Partnerstadt in Texas, haben die Lilien, der Zweitligist SV 98, den San Antonio FC 7:0 geschlagen, zur Pause stand es 4:0. Zwei Tore schoss Smit. Trainer Florian Kohfeldt schätzt das Ergebnis positiv ein, weiß aber, „dass es nicht das Niveau ist, was wir von einem Gegner erwarten können". In der Zweiten Liga geht es am Samstag, 10. Oktober, um 13 Uhr zu Hause gegen Energie Cottbus weiter.

Fürs Stadion am Böllenfalltor hat der Magistrat neuen Regeln zugestimmt, einer geänderten Gefahrenabwehrverordnung. Landespolizei und SV 98 haben daran mitgearbeitet. Neu verboten werden soll der Konsum von Cannabis bei Veranstaltungen, an denen auch Kinder und Jugendliche teilnehmen, ebenso das Mitführen von Schutzwaffen, mit denen sich Maßnahmen der Polizei abwehren lassen. Die Änderung will auch Vermummung ausschließen. Gegen Drohnen, die in der Nähe des Stadions starten, könnte die Polizei dann früher eingreifen. Aus der Verordnung gestrichen werden sollen die Regeln zu Fahrradketten, zu Bechern, weil das Stadion selbst welche ausgibt, und zu Fahnenstangen samt Fahnenpass. Ab wann das gilt, steht in der Mitteilung nicht.

▌ SCHON VORMERKEN

Mo, 5., und Di, 6. Oktober, 9:30–15:30 Uhr: Girls*-Fun-Day für Mädchen und Jungen*tag für Jungen, jeweils von 8 bis 14 Jahren, Sporthalle des Berufsschulzentrums Nord, Alsfelder Straße 29. Kostenlos, ohne Anmeldung, Hallenschuhe mit heller Sohle mitbringen.

Ab Mo, 19. Oktober: Bis 16. November holt der EAD, der städtische Entsorger, Grünabfall bei Darmstädter Haushalten kostenlos ab, nach Termin unter 06151 13-46000.

▌ ZUM SCHLUSS · EIN LEHRER IN MÜHLTAL

Lügen die Zahlen?

Die schlechtesten PISA-Werte, die je für Deutschland gemessen wurden. Ein Problem mit vielen Dimensionen. Eine davon liegt vor der Schule: Kämen alle Kinder durch den Kindergarten, würden die Werte wahrscheinlich besser, zumindest im Lesen. Ich betrachte hier nur die Lehrer. Ich selbst hatte als Schüler wenig Glück mit Lehrern, vielleicht nur in Geschichte und Physik. Mit den Lehrern unserer Kinder hatte ich Glück, bis jetzt, mit denen, die ich kennengelernt habe, in kurzen Momenten, wenn ich sie reden hörte. Richtige Menschen, die mir das Gefühl geben, jeder sei an seinem Platz. Wer früher oder später seine Berufung findet, ist ein Gewinn für sich und die, die mit ihm arbeiten oder ihm begegnen. Wer an seinem Platz ist, merkt es selbst sofort, und andere merken es auch.

Lügen die Zahlen? Nein. Sie bilden einen Durchschnitt, Fünfzehnjährige aus dem ganzen Land. Ich sehe ein paar Lehrer, in kurzen Momenten. Mein Alltag ist kein Gegenbeweis. Er ist Glück.

Nur ist Glück kein Plan. Menschen sind wichtig, aber ohne Plan bleibt es bei einzelnen Initiativen. Der Plan, der kommt, heißt wieder: mehr. Hessen gibt Erstklässlern eine Deutschstunde dazu. Man wird mir sagen, eine Stunde mehr könne nicht schaden. Ich habe darauf nur ein Datum.

Gestern vor fünfundsiebzig Jahren endete das Tübinger Gespräch zwischen Hochschullehrern und Lehrern. Den Bericht schrieb Martin Wagenschein, Lehrer in Traisa, das heute zu Mühltal gehört. Er war 1938 in die NSDAP eingetreten, laut Neuer Deutscher Biographie „um seine Weiterbeschäftigung als Beamter nicht zu gefährden"; das Entnazifizierungsverfahren entlastete ihn. Im Bericht steht, man habe 1945 mit Recht mehr Leistung verlangt; ein Missverständnis dieser Forderung habe von neuem die Gefahr der „Fülle des Stoffes" heraufbeschworen. „Ursprüngliche Phänomene der geistigen Welt" könnten „am Beispiel eines einzelnen, vom Schüler wirklich erfassten Gegenstandes" sichtbar werden. Sie würden aber „verdeckt durch eine Anhäufung von bloßem Stoff, der nicht eigentlich verstanden ist und darum bald wieder vergessen wird". Für höhere Schulen, nicht für Erstklässler, verlangte Tübingen „eine Herabsetzung der Stundenzahl". Eine Stunde mehr auf schwache Ergebnisse, das aber ist derselbe Reflex wie nach 1945, der Leistung mit Stoff verwechselte.

Die Diagnosen von heute klingen nach Tübingen. Junge Leute, so PISA-Mitautor Francesco Avvisati, „überfliegen statt zu verstehen", und sie „verlieren die Neugier und zunehmend auch den Glauben daran, dass sich Bildung lohnt". Der ZDF-Podcast „Lanz + Precht" hat PISA eine Folge gewidmet. Darin sagt Richard David Precht: Von dem, was man an weiterführenden Schulen gelernt habe, wisse man Jahre später kaum noch etwas; die Lösung seien nicht noch mehr Fakten, die Schüler müssten „anders lernen". Precht ist in den letzten Jahren noch bekannter geworden, als er ohnehin war, und seinen Gedankengang mag ich trotzdem.

Das Gegenstück zum verlorenen Glauben steht in einem Brief an Wagenschein, der als Physiklehrer mündige Laien heranbilden wollte, keine Physiker. In den sechziger Jahren schrieb ihm eine frühere Schülerin: Sie habe ihr Selbstbewusstsein gänzlich verloren, da sei ihr eine Einzelarbeit eingefallen, in der sie den Satz des Pythagoras, die Regel vom rechtwinkligen Dreieck, mit Wagenscheins Hilfe selbst entdeckt hatte. „Ihr Unterricht hat mich nicht zur Mathematikerin gemacht", schrieb sie, „aber er hat mir etwas zu meinem Leben viel Nötigeres gegeben: die Erinnerung, als ich sie nötig brauchte, an die Zuversicht", die ein selbst gelöstes Problem oder eine eigene Arbeit geben könne. Nicht die Regel, die Zuversicht.

Die Schülerin hatte diesen einen Lehrer, ich hatte meinen, in Geschichte. Es hängt davon ab, an wen ein Kind gerät. Auch Wagenschein war ein Einzelner, Tübingen der Versuch eines Plans. Er blieb fünfunddreißig Jahre Lehrbeauftragter der TH Darmstadt und starb in Trautheim, ebenfalls Mühltal. Seit 1992 trägt dort ein Weg seinen Namen, zwischen Äckern und Häusern. Es ist ein Feldweg.

Die Zahlen dazu: PISA 2025, veröffentlicht am 8. September 2026, zeigt für Deutschlands 15-Jährige in Mathematik und Lesen niedrigere Werte als 2022 und in Naturwissenschaften laut OECD etwa gleich hohe (Lesen 480 auf 465, Mathematik 475 auf 464, Naturwissenschaften 492 auf 486 Punkte); alle drei sind laut OECD die niedrigsten je in Deutschland gemessenen Werte, Deutschland liegt damit etwa im OECD-Durchschnitt. Hessens zusätzliche Deutschstunde für Erstklässler kommt zum Schuljahr 2028/29. Das Tübinger Gespräch endete am 1. Oktober 1951; Martin Wagenschein (1896 bis 1988) unterrichtete 1945 bis 1954 an der Aufbauschule Traisa, hatte 1952 bis 1987 einen Lehrauftrag für Praktische Pädagogik an der TH Darmstadt, wurde dort 1978 Ehrendoktor und schrieb der Hochschule mit neunzig, er danke ihr, dass sie ihm so lange den Kontakt zur Jugend ermöglicht habe. Der Wagenscheinweg in Trautheim trägt seinen Namen seit 1992.

Quellen: Universitätsarchiv der TU Darmstadt (2021) · Neue Deutsche Biographie (Wagenschein, 2020) · Stadtlexikon Darmstadt · Martin Wagenschein, „Naturphänomene sehen und verstehen" (hg. H. C. Berg), zitiert nach M. Weber, Facharbeit auf martin-wagenschein.de · Martin Wagenschein, „Das Tübinger Gespräch" (1951) · OpenStreetMap (Wagenscheinweg) · OECD, PISA 2025, Ländernotiz Deutschland · dpa, 08.09.2026 · hessenschau, 08.09.2026 · ZDF „Lanz + Precht" Nr. 264, 25.09.2026.

Das war die Heinerpost Nr. 15.

Bis nächsten Freitag,

Max ⚜️

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