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Aquarell nach einem Foto vom 10. Juni 1912: Leutnant von Hiddessen sitzt in der offenen Gondel des Doppeldeckers Gelber Hund, dahinter Zuschauer auf der Wiese.

AUSGABE NR. 17 · FREITAG, 16. OKTOBER 2026

Ei gude! ☕

Die Herbstferien enden. Vorne geht es um die Schuldnerberatung und um das, was die Pressemitteilung weglässt und der Jahresbericht nennt; er liegt am Dienstag im Sozialausschuss. Ganz hinten wird geflogen, damals und heute.

Heute drin:

  • Rund 200 Menschen in einer Reihe, und welche Hilfe es bei einer Kontopfändung vorab gibt

  • Eine Kita mit 99 Plätzen an der Hügelstraße, eine neue Modaubrücke in Eberstadt ohne Rampe

  • Ein neuer Direktor fürs Landesmuseum, das Mausoleum vor dem Stadtparlament, 3.600 Euro pro Livestream

  • Fahrradcodierung ohne Anmeldung am 22. Oktober, Haltestelle Siemensstraße verlegt

  • Cavalleria rusticana, Comedy Slam, Depotführung, und die Lilien beim KSC

  • Zum Schluss: ein Postflug von 1912 und ein Drohnenhersteller in Weiterstadt

▌ DER AUFMACHER

Auf die Schuldenregulierung wartet man in Darmstadt bis zu 16 Monate

Wem in Darmstadt die Schulden über den Kopf wachsen und das Konto gepfändet wird, der bekommt im Amt für Soziales und Prävention zuerst eine kurze, einmalige Beratung, die das Amt in seinem Jahresbericht Krisenintervention nennt. Es geht dabei unter anderem um den Schutz bei Kontopfändungen. Sie soll „in der Regel binnen längstens 21 Tagen" stattfinden, in Einzelfällen wartete man zuletzt bis zu acht Wochen.

Dann beginnt das lange Warten. Die eigentliche Schuldenhilfe, bei der die Beratung mit den Gläubigern eine Einigung sucht und sonst die Verbraucherinsolvenz vorbereitet, heißt im Amt Regulierungsberatung. Auf sie wartet man in Darmstadt zwölf bis sechzehn Monate. Rund 200 Menschen stehen gerade in dieser Reihe. Wer Kundin oder Kunde des Jobcenters ist, kann seit 2025 unter bestimmten Umständen früher drankommen.

In der Pressemitteilung der Stadt vom 9. Oktober steht davon nichts, dort stehen die Beratungszahl und die Telefonnummer. Der Grund steht im Jahresbericht, der am kommenden Dienstag im Sozialausschuss liegt. Zwischen 2020 und 2023 gingen fünf von sieben Beraterinnen und Beratern in den Ruhestand. Neue Leute sind eingestellt, 2025 arbeiteten wieder sieben Fachkräfte. Nur: Die Einarbeitung kann laut Amt zwei bis drei Jahre dauern. Erst danach rechnet der Bericht mit einer schrittweisen Entlastung.

Verändert hat sich auch, wer kommt. Der Anteil der Ratsuchenden mit Erwerbseinkommen wächst deutlich, Menschen also, die arbeiten und trotzdem nicht mehr aus den roten Zahlen kommen; das Amt vermutet Teilzeit, Niedriglohn und gestiegene Mieten dahinter. Bundesweit stieg der Anteil der Überschuldeten zuletzt wieder, in Darmstadt sinkt er seit 2020, und trotzdem steigt hier die Zahl der Beratungen. Was Ratsuchende fürchten, steht in einer Fußnote: die gepfändete Wohnungseinrichtung, das Gefängnis, die Nachbarschaft, die es erfährt.

Wie es ausgehen kann, zeigt der Bericht an einem Mann, den das Amt Herrn M. nennt, Name geändert. Anfang vierzig, verheiratet, zwei Kinder, Mietwohnung. In der Pandemie Kurzarbeit, dann der Jobverlust, der Dispo, Ratenkäufe, ein Kredit, die neue Stelle zahlt weniger. Als das Konto gepfändet wird und die Miete offen bleibt, geht er zur Schuldnerberatung. In dieser ersten, kurzen Beratung wird sein Girokonto zum Pfändungsschutzkonto, alle Forderungen kommen auf eine Liste. In der Regulierung zeigt sich das Ganze: Neun Gläubiger. Rund 38.000 Euro. Eine Einigung ohne Gericht gelingt nicht, also wird die Verbraucherinsolvenz vorbereitet, über Monate. Nach der Wohlverhaltensphase kann Herr M. schuldenfrei sein. Ob er selbst auf die Regulierung warten musste, sagt der Bericht nicht.

→ Das heißt für dich: Bei Kontopfändung oder Zwangsvollstreckung sofort anrufen, 06151 13-3496, oder an [email protected] schreiben (Amt für Soziales und Prävention, Frankfurter Straße 71). Wer die lange Regulierung braucht, meldet sich besser heute als nächsten Monat.

▌ KURZ & KNAPP

Am westlichen Ende des Marienplatzes soll ab Sommer 2027 eine Kita mit 99 Plätzen entstehen. Die Neubaukita in der Hügelstraße 40 bekommt laut Vorlage sechs Gruppen, 33 Plätze für Kinder unter drei Jahren und 66 für Kinder ab drei, geöffnet montags bis freitags von 7 bis 17 Uhr. Träger wird nach europaweiter Ausschreibung der Arbeiter-Samariter-Bund Regionalverband Südhessen. In der Stadtmitte liegt die Versorgung der Unter-Dreijährigen laut Vorlage bei 40,9 Prozent, das Ziel sind 50, gesamtstädtisch sind es 48,1 Prozent. Im Quartier sind 320 Wohneinheiten geplant. Am Dienstag, 20. Oktober, berät der Sozialausschuss.

Die im Januar zurückgebaute Fußgängerbrücke über die Modau an der Alten Sackgasse in Eberstadt wird ersetzt. Baubeginn ist laut Vorlage voraussichtlich Februar 2027, der Stahlbau dauert etwa vier Monate, die Montage etwa einen. Die neue Stahlbrücke wird rund 13 Meter lang und 2,50 Meter breit, eine reine Fußgängerbrücke mit Treppenanlage. Barrierefrei wird sie nicht: Eine Rampe hätte laut Vorlage etwa 10 Prozent Gefälle, zulässig sind 6. Eingeplant sind 175.000 Euro, davon 119.131,61 Euro für den Bau. Am Donnerstag, 22. Oktober, berät der Bauausschuss.

Das Hessische Landesmuseum bekommt zum 1. Januar 2027 einen neuen Direktor: Jan Christoph Breitwieser. Der Archäologe, Jahrgang 1976, leitet seit 2016 das Museum Bensheim, so das Wissenschaftsministerium. Seit Vorgänger Martin Faass im März zu Hessen Kassel Heritage ging, führt Julia Hillebrand das Haus kommissarisch. Breitwieser laut Mitteilung: „Die Verbindung ganz unterschiedlicher Sammlungen und Fachrichtungen ist die große Stärke dieses Museums."

Die Sanierung des Mausoleums auf dem Alten Friedhof geht ins Stadtparlament. Der Magistrat hat am 16. September zugestimmt, am Mittwoch, 21. Oktober, berät der Umweltausschuss. Laut Vorlage sind rund 50 Prozent der Putzfläche samt Grundputz abgebrochen, die Klinker liegen frei, bei Starkregen dringt weiter Wasser ein; das Dach wurde 2024/25 als Notmaßnahme erneuert. Fertig sein soll die Anlage bis 2028, wenn der Alte Friedhof 200 Jahre alt wird und das Mausoleum rund 100. Die Instandsetzung „würde es ermöglichen, die Anlage der Öffentlichkeit zugänglich zu machen", schreibt der Magistrat. Das Geld ist für den Haushalt 2027 beantragt und noch nicht beschlossen, weitere Mittel sind bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz beantragt. Die Geschichte des Mausoleums stand in Nr. 14.

Der Livestream der Stadtverordnetenversammlung kostete rund 3.600 Euro pro Sitzung. Das liege „deutlich über den Kosten anderer Kommunen", schreibt der Magistrat in seiner Vorlage. 2026 soll weiter gestreamt werden, für 2027 bis 2030 will der Magistrat neu ausschreiben, um die Kosten zu senken. Bei vier Sitzungen von Februar bis Juni 2026 lagen die Live-Zugriffe im Schnitt bei 515 pro Sitzung, 2024 bei 296, 2025 bei 384. Am Donnerstag, 29. Oktober, berät der Haupt- und Finanzausschuss.

Die Polizei codiert wieder Fahrräder, am 22. Oktober ohne Anmeldung. Termin ist Donnerstag, 22. Oktober, 10 bis 16 Uhr, am 1. Polizeirevier, Bismarckstraße 16. Mitbringen: Ausweis und Eigentumsnachweis, bei E-Bikes den Akkuschlüssel; Carbonräder werden nicht codiert. Ein zweiter Termin folgt am Samstag, 24. Oktober, 10 bis 14 Uhr, auf dem Parkplatz des Baumarkts Heidelberger Straße 195, nur mit Anmeldung. Anmelden kann man sich nur noch am Montag, 19. Oktober, 13 bis 15 Uhr, unter 06151 969-41040.

▌ DER GRUSS

Die Heinerpost grüßt diese Woche die Fahrradständer am Hauptbahnhof.

▌ BAUSTELLEN & BAHN

Herbstferien: Der Ersatzverkehr der HEAG mobilo gilt bis Sonntag, 18. Oktober, die Linie 1 fährt bis dahin nur bis Hauptbahnhof.

Kranichstein: Die Haltestelle Siemensstraße ist bis 4. Dezember verlegt, die Linie H hält in der Kranichsteiner Straße, die Schulfahrten der Linie FM in der Bartningstraße. Grund sind Kanalarbeiten in der Jägertorstraße.

Eberstadt: Die ENTEGA verlegt ab Mittwoch, 14. Oktober, Leerrohre für den Glasfaserausbau, voraussichtlich bis Mitte Dezember: Schloßstraße 2–28, Heidelberger Landstraße 262–272, Odenwaldstraße 2–26 und 1–25, Alte Sackgasse. Angekündigt sind zusätzlicher Lärm und Halteverbote.

▌ DAS WOCHENENDE (16.–18. OKTOBER)

HEUTE

Repair-Café Martinsviertel, 17 bis 20 Uhr, Kopernikusplatz 1, mit Foodsharing.

„Cavalleria rusticana / Pagliacci", 19:30 Uhr, Einführung 19 Uhr, Staatstheater, Großes Haus, Georg-Büchner-Platz 1, 15 bis 85 Euro, rund 3 Stunden 15 Minuten.

GTD Comedy Slam, 20 Uhr, Einlass 19 Uhr, Centralstation, Im Carree, ab 19,90 Euro.

SAMSTAG

„Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht", Uraufführung nach Andrea Petković, 19:30 Uhr, Staatstheater, Kleines Haus, 10 bis 54 Euro, Resttickets.

GlasBlasSing „Kästen raus, Flaschenarbeit", 19:30 Uhr, Einlass 18:30 Uhr, Centralstation, Im Carree, ab 24,90 Euro, RMV-Fahrt inklusive.

SONNTAG

1. Familienkonzert „Feuervogel", 10:30 Uhr, Instrumentenvorstellung 10:15 Uhr, Staatstheater, Kleines Haus, 16 Euro.

Depotführung zum Europäischen Tag der Restaurierung, Kunstdepot der Stadt, Zeitfenster 10 bis 11:30, 12:30 bis 14 und 15 bis 16:30 Uhr, höchstens 16 Personen, Anmeldung unter 06151 13-2808 oder [email protected].

Rundgang „Eberstädter Waldvillenviertel", 14 bis 16 Uhr, Treffpunkt Haltestelle Marienhöhe.

DAS GANZE WOCHENENDE

Freiluft-Ausstellung „Trotz Reichtum arm" von Fairtrade-Town Darmstadt und Motivés e.V., bis 29. Oktober, Ludwig-Metzger-Platz vor dem Justus-Liebig-Haus, Große Bachgasse 2.

▌ LILIEN-WATCH

Die Lilien haben am vergangenen Samstag Energie Cottbus mit 3:1 besiegt, der zweite Heimsieg in Folge. Nach vier Minuten lagen sie durch Butler zurück, Weißhaupt glich in der 36. Minute aus, Vukotic köpfte nach einer Ecke zum 2:1 (77.), und Lührs traf in der 87. Minute nach Vorlage von Petretta zum 3:1, so der Spielbericht auf sv98.de. Nach dem siebten Spieltag stehen sieben Punkte. Am Sonntag, 18. Oktober, um 13:30 Uhr geht es zum Karlsruher SC in den BBBank Wildpark, ein Stehplatz kostet 17,90 Euro.

▌ SCHON VORMERKEN

Di, 20. Oktober: Wissenschaftstag „Stille Helden: Moore im Klimawandel" in der Centralstation, Im Carree, laut Programm Eintritt frei.

23./24. Oktober: Heiner Wiesn auf dem Messplatz, weitere Termine 30./31. Oktober, 5. November als Afterwork und 6./7. November, jeweils 17 bis 23 Uhr.

29. Oktober bis 3. November: Oarhelljer Kerb im und um den „Goldnen Löwen" in Arheilgen, Seniorenkerb am Samstag, 31. Oktober, 14 Uhr, im Bürgerhaus „Zum Goldnen Löwen".

Sa, 31. Oktober, 13 Uhr: Lilien gegen Magdeburg am Böllenfalltor.

▌ ZUM SCHLUSS · WAS DIE MASCHINE TRÄGT

Der Gelbe Hund.

Am Abend des 10. Juni 1912, kurz nach sieben, hebt in Frankfurt-Niederrad ein Doppeldecker ab, wegen seiner gelben Tragflächen der Gelbe Hund genannt. Am Steuer sitzt Leutnant Ferdinand von Hiddessen, an Bord sind vierzig Kilogramm Post. Dreizehn Minuten später setzt er in Darmstadt auf. Die Post wird getauscht, dann fliegt er weiter nach Worms, und als er dort landet, ist es gegen neun.

Der Flug ist Teil einer Wohltätigkeitsveranstaltung der großherzoglichen Familie, angeregt von dem Flugzeugkonstrukteur August Euler, der auf dem Griesheimer Truppenübungsplatz einen Flugplatz samt Fabrik betreibt. Jede Karte braucht eine eigens gedruckte Luftpostmarke, und der Reinerlös geht an die Zentrale für Mütter- und Säuglingsfürsorge. Das Stadtlexikon nennt es die erste amtliche Postbeförderung in Deutschland mit einem Flugapparat, der schwerer ist als Luft. Geplant ist eine Woche. Sie hat so großen Erfolg, dass Großherzogin Eleonore persönlich um Verlängerung bittet. Es werden zwei.

Zwei Jahre später fliegt derselbe Pilot wieder. Am 30. August 1914 erreicht Hiddessen mit seinem Beobachter Paris. Sie werfen Flugblätter ab, in denen die Bevölkerung zur Kapitulation aufgefordert wird, und einige leichte Bomben auf den Quai de Valmy. Wie viele es waren und was sie trafen, darüber gehen die Angaben auseinander.

Die Idee hinter beiden Flügen ist dieselbe: etwas tragen, schneller und weiter, als ein Mensch es kann. Eulers eigene Werke bauten im Krieg 420 Flugzeuge, und auch die Darmstädter Hofmöbelfabrik Ludwig Alter richtete 1915 eine Abteilung Flugzeugbau ein und lieferte bis 1919 rund 200 Flugzeuge an das Militär. Nach dem Krieg vertrat Euler, so steht es bei Wikipedia, eine militärkritische Haltung und setzte sich für die zivile Luftfahrt ein.

Sprung ins Heute. In Weiterstadt, gleich neben Darmstadt und nicht weit vom Griesheimer Flugplatz, der heute Eulers Namen trägt, sitzt Wingcopter, ein Drohnenhersteller. Im Februar 2020 trug eine Wingcopter-Drohne bei einem Test Pigmentproben von Mercks Werk in Gernsheim zum Stammsitz nach Darmstadt, fast so weit, wie der Gelbe Hund von Niederrad flog. Im Februar 2026 gründete Wingcopter eine Geschäftseinheit für Sicherheit und Verteidigung. Zum Liefer- und Vermessungsgeschäft kommen nun Aufklärung und militärische Fracht. Partner in einem Gemeinschaftsunternehmen ist der ukrainische Hersteller TAF Industries, produziert werden soll in Deutschland. Im September stellte Wingcopter die Wingcopter 262 vor, eine Aufklärungsdrohne.

Was die Maschine trägt, entscheidet nicht die Maschine. Gleich sind die beiden Fälle nicht: 1914 flog ein Angreifer nach Paris, heute arbeitet die Firma mit einem Hersteller aus einem Land, das angegriffen wurde. Beim Gelben Hund weiß man genau, was er trug: im Juni 1912 Postkarten, die amtlichen davon Grußkarten und Fotos der großherzoglichen Familie.

Die Zahlen dazu: Flugpostwochen 10. bis 23. Juni 1912, Reinerlös 35.000 Goldmark; von Niederrad nach Darmstadt 27 Kilometer in 13:27 Minuten, weiter mit 79 Kilogramm Post nach Worms. Hiddessen trat zum 1. Oktober 1929 der NSDAP bei. Merck-Testflug am 5. Februar 2020, rund 25 Kilometer. Quellen: Stadtlexikon Darmstadt „Flugpostwochen", „Flugplätze" und „Luftfahrtindustrie in Darmstadt"; Wikipedia „Flugpost am Rhein und am Main", „Ferdinand von Hiddessen", „August Euler" (Eulers Haltung und die 420 Flugzeuge nur dort belegt); CHEManager zum Merck-Flug; produktion.de, 16.02.2026; Kyiv Post, 27.09.2026.

Das war die Heinerpost Nr. 17.

Danke. Licht und Frieden uns allen.

Max ⚜️

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